WiWo-Konjunkturradar: Wirtschaft auf dem Weg nach oben

0/50 Bewertungen

WiWo-Konjunkturradar Wirtschaft auf dem Weg nach oben

Nach dem Absturz im Frühjahr wird die deutsche Wirtschaft im laufenden und im nächsten Quartal deutlich zulegen. Das zeigt der BIP-Flash-Index, den das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) exklusiv für die WirtschaftsWoche erstellt.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Dieser Absturz war beispiellos: Um 10,1 Prozent brach das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal des Jahres gegenüber dem Vorquartal ein. Seit Ende des Lockdowns geht es allerdings wieder kontinuierlich aufwärts. „Nach dem starken Einbruch im ersten Halbjahr dürfte die deutsche Wirtschaft im Sommerquartal 2020 sehr kräftig wachsen“, schreibt die Deutsche Bundesbank in ihrem aktuellen Monatsbericht.

Doch was bedeutet „sehr kräftig“? Die Volkswirte des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) haben eine Prognose gewagt: Der so genannte BIP-Flash-Indikator, den das Institut exklusiv für die WirtschaftsWoche erstellt, sagt für das laufende Quartal ein BIP-Plus von 4,6 Prozent voraus. Im vierten Quartal könnte die deutsche Wirtschaftsleistung demnach um 4,0 Prozent gegenüber der Vorperiode zulegen. In das IWH-Barometer gehen rund 160 Einzelindikatoren ein.

Ein Selbstläufer ist der Aufschwung trotzdem nicht. „Das massive Infektionsgeschehen in den USA und vielen Schwellenländern sowie der jüngste Wiederanstieg der Infektionszahlen in Europa könnten Unternehmen, Haushalte und Politik zwingen, die wirtschaftlichen Aktivitäten wieder einzuschränken“, heißt es in der IWH-Analyse.

Im kommenden Jahr könnte zudem ausgerechnet eine Maßnahme die Konjunktur bremsen, auf welche die Politik besonders stolz ist – die befristete Senkung der Mehrwertsteuer. Durch diese „dürfte es Vorzieheffekte beim privaten Konsum geben, die sich zu Beginn des nächsten Jahres negativ bemerkbar machen“, sagt IWH-Vizepräsident Oliver Holtemöller.

Hier die komplette Konjunkturanalyse des IWH:
Die Corona-Pandemie hat die deutsche Wirtschaft im Frühjahr 2020 in eine tiefe Rezession gestürzt. Das Bruttoinlandsprodukt sank im zweiten Quartal 2020 um 10,1 Prozent, nach einem Rückgang von 2,0 Prozent im Quartal zuvor. Dieser massive Wirtschaftseinbruch war insbesondere den Lockdown-Maßnahmen geschuldet, die das öffentliche und wirtschaftliche Leben zeitweise auf ein Minimum reduzierten. Seit Anfang Mai wurden die Restriktionen zur Eindämmung der Pandemie gelockert, und die wirtschaftlichen Aktivitäten haben wieder deutlich zugenommen. „Der Tiefpunkt der Rezession dürfte damit erst einmal überwunden sein und eine konjunkturelle Erholungsphase beginnen“, sagt Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Allerdings dürfte die Rückkehr zum Vorkrisenniveau auch aufgrund der wieder höheren Fallzahlen und der damit verbundenen Unsicherheit noch länger auf sich warten lassen. Die Wirtschaft dürfte laut IWH-Flash-Indikator im dritten Quartal 2020 um 4,6 Prozent und im vierten Quartal dann um 4,0 Prozent expandieren.

Die Industrie hat ihre Tätigkeiten nach den drastischen Produktionsausfällen infolge des Lockdown, die ihren Höhepunkt im April 2020 hatten, wieder deutlich ausgeweitet. Im Juni wurden 87 Prozent des Produktionsniveaus vom 4. Quartal 2019 erreicht. Das Baugewerbe, das kaum von den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie betroffen war, expandierte zuletzt nur wenig. Die Einzelhandelsumsätze waren in Mai und Juni 2020 sogar höher als vor dem Lockdown. Das Gastgewerbe konnte hingegen bis Juni, auch aufgrund fehlender ausländischer Gäste, noch nicht wieder aufschließen.

Für eine konjunkturelle Erholung spricht nicht zuletzt, dass in der besonders betroffenen Automobilindustrie, in der noch im April laut Verband der Automobilindustrie (VDA) die Produktion und der Export von Personenkraftwagen fast völlig zum Stillstand gekommen waren, im Juli die Produktion bereits fast auf Vorjahresstand (minus sechs Prozent) wieder hochgefahren werden konnte. Auch die Pkw-Exporte haben seitdem wieder kräftig zugelegt. Die Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe stiegen sowohl bei den inländischen als auch bei ausländischen Orders in allen Teilbereichen. Insbesondere die Inlandsnachfrage nach Investitionsgütern schoss im Juni nach oben (plus 66 Prozent).

Das Ende der Rezession spiegelt sich auch in den ifo-Geschäftserwartungen wider. Die Unternehmen gingen im Juli mehrheitlich von einer Verbesserung aus. Auch der IHS Markit/BME-Einkaufsmanager-Index (EMI) stieg im Juli über die Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Vor allem die deutlich gestiegenen Auftragseingänge und eine daraus folgende höhere Produktion schlugen hier positiv zu Buche. Auch der Earlybird-Indikator der Commerzbank stieg im Juli und August kräftig an, vor allem wegen eines verbesserten weltwirtschaftlichen Umfeldes. Dabei war im zweiten Quartal die Produktion in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften wie erwartet drastisch eingebrochen (USA minus 9,5 Prozent, Euroraum minus 12,1 Prozent, Großbritannien minus 20,4 Prozent). Die Einkaufsmanagerindizes vom Juli deuten aber vielerorts für die zweite Jahreshälfte auf einen steilen Wiederanstieg hin ¬ – wie er in China im Frühsommer schon beobachtet werden konnte.

In Deutschland dürfte die Binnenwirtschaft vom privaten Konsum einen kleinen Schub erhalten, weil aufgrund geringerer Einschränkungen Konsumwünsche wieder leichter erfüllt werden können. Auch die befristete Mehrwertsteuersenkung im zweiten Halbjahr 2020 dürfte den Konsum etwas stimulieren, weil sie einen Anreiz bietet, größere Anschaffungen vorzuziehen. Dies zeigt auch der GfK-Konsumklimaindikator im Juli. Insbesondere die Anschaffungsneigung verbesserte sich ausgesprochen kräftig, obwohl die Einkommensaussichten aufgrund der Unsicherheiten am Arbeitsmarkt nur wenig zulegten. „Durch die temporäre Mehrwertsteuersenkung dürfte es Vorzieheffekte beim privaten Konsum geben, die sich dann zu Beginn des nächsten Jahres negativ bemerkbar machen“, sagt Oliver Holtemöller.

Der IWH-Flash-Indikator ergibt sich als gewichtetes Mittel einer Fülle von Einzelprognosen, die jeweils mithilfe eines bestimmten Indikators hergeleitet werden, der in der Vergangenheit Prognosekraft besessen hat. Allerdings führen viele Einzelprognosen derzeit aufgrund der Besonderheiten der Corona-Rezession in die Irre. Beispielsweise ist die Prognose mithilfe des schwachen Einzelhandelsvolumens für das dritte Quartal negativ, obwohl sich schon abzeichnet, dass die Rücknahme der Restriktionen für den Einzelhandel dem Bruttoinlandsprodukt einen Schub geben wird.

Deshalb wird diesmal abweichend von der üblichen Vorgehensweise der IWH-Flash Indikator für das dritte Quartal 2020 als Median aller BIP-Einzelprognosen mit einer positiven Wachstumsrate berechnet, während Indikatoren, die eine negative BIP-Wachstumsrate für das dritte Quartal implizieren, nicht berücksichtigt werden. Für den IWH-Flash Indikator im vierten Quartal 2020 fließen dann wieder alle BIP-Einzelprognosen in die Medianberechnung ein. Daraus ergibt sich für das dritte Quartal 2020 ein Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von 4,6 Prozent und für das vierte Quartal 2020 eine weitere Zunahme um 4,0 Prozent.

Allerdings ist das von der Pandemie ausgehende Konjunkturrisiko zuletzt eher wieder gestiegen. Das massive Infektionsgeschehen in den USA und in vielen Schwellenländern sowie der jüngste Wiederanstieg der Infektionszahlen in Europa könnten Unternehmen, Haushalte und die Politik dazu zwingen, die wirtschaftlichen Aktivitäten bald wieder einzuschränken.

Mehr zum Thema
Die Kurzarbeit hat den Arbeitsmarkt bisher vor dem Schlimmsten bewahrt. Nun soll sie ausgeweitet werden. Doch Ökonomen sind diesmal skeptisch.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*