Wirtschaftsbücher: Fernduell der Top-Ökonomen auf dem Markt der Krisenbücher

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Wirtschaftsbücher Fernduell der Top-Ökonomen auf dem Markt der Krisenbücher

Wenn in diesem Bücherherbst zwei der bekanntesten deutschen Volkswirte in gedruckter Form gegeneinander antreten, darf man gespannt sein. Marcel Fratzscher, Präsident des DIW in Berlin und Clemens Fuest, Chef des Ifo-Instituts in München, legen zwei neue und höchst unterschiedliche Bücher zur Coronakrise vor.

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In der Krise darf man nicht zögern – das haben sich die beiden deutschen Top-Ökonomen zu Herzen genommen und kurzerhand zur Feder gegriffen. Marcel Fratzscher ruft bereits im Titel seines neuen Buchs „Die neue Aufklärung“ aus, ergänzt durch die programmatische Unterzeile „Wirtschaft und Gesellschaft nach der Corona-Krise“. Sein Ifo-Kollege Fuest bietet sein neuestes Werk ebenfalls unter einer zugkräftigen Überschrift an: „Wie wir unsere Wirtschaft retten – der Weg aus der Corona-Krise“.

Zwar ist die Krise noch lange nicht vorbei, dennoch haben beide Autoren mit ihren Analysen und Rezepten in bemerkenswertem Tempo über 200 Buchseiten gefüllt. Trotz der Eile schafften es beide Werke auf die Shortlist für das beste Wirtschaftsbuch des Jahres 2020 – aber keines von ihnen hat gewonnen (der Preis ging an die Wirtschaftsnobelpreisträger Esther Duflo und Abhijit Banerjee aus den USA für ihr Buch „Gute Ökonomie für harte Zeiten“).

Doch mit den Äußerlichkeiten der beiden deutschen Coronabücher hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Alles andere wäre eine Überraschung gewesen, schließlich liefern sich die beiden Volkswirtschaftsprofessoren auch im wissenschaftlichen Alltag gerne ein intellektuelles Duell.

Allerdings fällt der Vergleich zwischen den beiden Neuerscheinungen schwer, denn Fuest hat ein ganz anderes Buch geschrieben als Fratzscher. Der Ifo-Chef konzentriert sich im Wesentlichen auf die politische-ökonomische Krisenbekämpfung und zeichnet in erster Linie die Entscheidungen der Bundesregierung und die Wirkung der Rettungsmaßnahmen auf die Wirtschaft nach. Trotz seitenlanger, objektiver Sachdarstellung fließt natürlich regelmäßig die Bewertung von Fuest ein. Die rasant gestiegene Verschuldung infolge der staatlichen Rettungspolitik findet der Ifo-Chef gerade noch verantwortbar, auch wenn ein leises Bedauern zwischen den Zeilen erkennbar ist. Kritischer geht Fuest mit der Verlängerung des Kurzarbeitergelds und dem europäischen Hilfsfond ins Gericht. Er teilt die Sorge, dass nach vielen vergeblichen Anläufen die Coronakrise jetzt den vor allem im Süden Europas willkommenen Anlass bietet, die EU Stück für Stück in eine Transferunion zu verwandeln.

Zu seiner im Buchtitel versprochenen Rezeptur für einen „Weg aus der Corona-Krise“ kommt Fuest aber erst ganz zum Schluss des Buches – der Großteil ist der Schilderung der bereits bekannten Fakten gewidmet. Er fordert – richtig aber wenig überraschend – eine Rückkehr zur soliden Haushaltspolitik und sieht in einer Stärkung der Wachstumskräfte die einzige Möglichkeit, die Krisenfolgen mittelfristig zu mildern und die Schuldenlast zu finanzieren. Dass daneben mehr Digitalisierung, Bildung und marktwirtschaftlicher Klimaschutz nicht fehlen dürfen, gehört für liberale Ökonomen wie Fuest inzwischen zum ein geübten „Krisenbewältigungs-Repertoire“.

Ganz anders geht Marcel Fratzscher in seinem Buch zu Werke. Der Titel „Die neue Aufklärung“ zeigt, dass der DIW-Chef sich weniger als ratgebender Krisenlöser betätigen will, sondern eher als Analytiker – er will verstehen und genau aufschreiben, was die Pandemie mit unserer Wirtschaft, aber auch mit der Gesellschaft und unserem Gemeinwesen gemacht hat. So sieht er in den vielen staatlichen Hilfen nicht nur ein finanzpolitisches Instrument, sondern auch eine Wegmarke an der ewigen Konfliktlinie zwischen Wirtschaft und Moral. Die Krise habe entgegen mancher Erwartungen eben nicht Egoismus und Sozial-Darwinismus hervorgebracht, sondern im Gegenteil ein großes Ausmaß an Gemeinsinn gezeigt, schreibt Fratzscher.

In empirischen Länder-Vergleichen zeigt er zudem auf, dass Nationen mit einem starken Sozialstaat besser durch die Krise gekommen sind als Länder wie die USA oder Großbritannien mit einem sehr geringen sozialen Netz. Dass Fratzscher, der als eher linker Ökonom gilt, darin den Beweis sieht, dass die „neoliberale Doktrin“ der Staatsferne spätestens in der Krise versagt hat, passt ins Bild, ist deshalb aber nicht falsch. Gleiches gilt für die – zutreffende – Beobachtung, dass die Pandemie den zuletzt erstarkten Trend zum Nationalismus zugunsten des Multilateralismus gebrochen hat. Kurzfristige Forderungen nach einem Exportstopp für medizinische Güter oder die Schließung der Grenzen innerhalb der EU haben sich als ungeeignet erwiesen – das Virus lässt sich eben nicht durch Schlagbäume oder nationale Parlamente aufhalten.

Das stärkste Kapitel im Buch ist Fratzschers Beschäftigung mit der gewandelten Rolle der Wissenschaft. Galten Virologen bis vor kurzem noch als Labor-Nerds in weißen Kitteln, so sind sie jetzt zu wahren Instanzen von bundesweiter Bedeutung aufgestiegen. Dass der Ökonomie-Professor an der Berliner Humboldtuniversität die wachsende Bedeutung der Wissenschaft im öffentlichen Diskurs begrüßt, ist folgerichtig. Sowohl Fratzscher als auch sein Kollege und Wettbewerber Fuest haben als Mitglieder des Sachverständigenrats oft genug erleben müssen, dass die Empfehlungen der Wirtschaftswissenschaftler von der Politik zwar freundlich und öffentlichkeitswirksam entgegengenommen werden, danach aber oft genug in den Schubladen der Ministerien verstauben. Dass die Virologen jetzt in der Pandemie wichtiger sind als die Ökonomen nimmt Fratzscher gelassen und zustimmend zur Kenntnis; er notiert mit Genugtuung, dass die Politik die Empfehlungen der Wissenschaft jetzt „nicht mehr so einfach beiseiteschieben kann“ wie früher.

Es ist schwer, die beiden Werke zu vergleichen. Fratzschers Ansatz ist breiter. Mit seinem seinem Buch ist ihm ein neuer, analytischer Blick auf die Krise und ihre Auswirkungen gelungen. Als renommierter Wirtschaftsforscher stellt er natürlich ökonomische Fragen, aber im Kern geht es ihm um eine politisch-philosophische Bewertung der gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen im Zuge der Coronapandemie.

Das Buch von Fuest ist sehr gründlich, aber eher deskriptiv. Wer noch einmal alles nachlesen will, ist damit sicher gut bedient, aber bei den Schlussfolgerungen und Bewertungen bleibt Fuest im Mainstream der aktuellen wirtschaftspolitischen Diskussion und damit eher an der bekannten Oberfläche.

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