Werner knallhart: Amazon Prime Day: Wie Amazon in 48 Stunden sein Image verramscht

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Eine wilde Flut von Elektro-Krempel, Billigmode und Lifestyle-Stuss wird uns in abstrusesten Kategorien in diesen Stunden um die Ohren gehauen. Amazon weiß doch eigentlich, was jeder Einzelne mag. Diese wahllose Wühltisch-Welt aber kratzt am Shopping-Ego von uns Stammkunden.

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Ich mag die Amazon-Idee. Ich möchte hier jetzt nicht diskutieren über Dumping-Löhne, Lieferverkehr-Staus, aussterbende Innenstädte, überforderte Boten (und damit genervte Nachbarn) oder über Verpackungs-Müll. Das ist jeweils eine Kolumne für sich.

Was ich an Amazon mag, ist diese Ordnung vor meinem imaginären Auge. Die haben praktisch alles. Und alles liegt für mich an seinem Platz. Amazon als stationärer Einzelhandel auf der grünen Wiese wäre ein Alptraum. Jede Filiale wäre wohl ein Laden so groß wie 50 Ikeas nebeneinander. Gehen Sie da mal mit Maske durch.

Aber online wirkt alles wie ein kleines Kästchen. Ich suche etwas, und da ist es auch schon. Ich kann ein ganz bestimmtes Ding suchen: einen Gardena-Gartenschlauch-Anschluss-Adapter in Metallglanz für Badezimmer-Wasserhähne mit Innengewinde.

Oder ich öffne einfach mal eine Kategorie: Sportgeräte für zu Hause, und mache sie später wieder behutsam zu. Ich kann einzelnen Artikeln liebevoll ein Herzchen geben. Dann weiß ich, wo ich sie wiederfinde. Und Amazon weiß, was ich gerne mag. Dagegen habe ich überhaupt nichts.

Ich genieße es, wenn die Käsehändlerin um die Ecke sagt: „Ach, Herr Werner, wieder Lust auf ein Stück Bio-Steinsalz-Käse?“ Warum sollte ich es nicht mögen, wenn Amazon sagt: „Angebote inspiriert durch Ihre bisherigen Käufe“? Ich mag auch auf mich zugeschnittene Werbung.

Im Supermarkt freue ich mich darüber, wenn mir der Verkäufer hinter der Tapas-Theke zum Probieren ein, zwei eingelegte Oliven anbietet. Mehr, als wenn er mir ein Stückchen saure Niere am Zahnstocher rüberreichen würde.

Und so lasse ich mich auch online lieber bezirzen mit Produkten, die ich gut gebrauchen könnte, als mich umgarnen zu lassen mit Krempel, der mein Leben schlechter machen würde. Cookies sind meine Freunde. Amazon kann hier voll seine Stärke ausspielen. Der Verkäufer im Supermarkt kennt meine Haltung zu sauren Nieren nicht, aber Amazon weiß, welchen Gartenschlauch-Adapter ich habe und was dazu passt.

Und deshalb frage ich mich: Warum ruiniert Amazon ausgerechnet am Prime Day, dem 48-Stunden-Tête-à-Tête mit den Jahresbeitrags-Stammkunden, unsere über Jahrzehnte so gut eingespielte, robuste, krisenerprobte Partnerschaft? Und lässt so rüpelhaft raushängen, mich überhaupt nicht zu kennen?

Das kleine Kästchen wird plötzlich zu einer riesigen Halde. Es wirkt, als sei in einem Amazon-Hochlager ein Gabelstapler Amok gefahren.

Das Folgende hält Amazon für mich, Kunde seit dem Jahr 2000, für reizvoll:

Ein Zombie-Sträflingskostüm für Kinder (32 Prozent gespart), daneben der Tracklife Trockenbauschleifer, darunter das Huawei MatePad 10.

Neben der Pendellampe Carlton 1 (minus 32 Prozent) werden mir die „Tagvo Geheimstifte Geheim Stift“ angepriesen. Darunter eine hautfreundliche „Kreativ-Seife“ und eine Gaming-Maus für Computerspiele von Klim.

Neben der Bosch-Küchenmaschine MultiTalent steht ein Eimer Hobby-Struktur-Paste, darunter eine widerlich kitschige Handyhülle fürs Samsung Galaxy S7 (obwohl ich sonst immer nur iPhone-Zubehör bestelle) und ein Styroporkopf männlich (obwohl ich sonst niemals irgendeinen Kopf oder irgendetwas aus Styropor bestellt habe und überhaupt nicht gerne bastele). Und Hundefutter-Schnäppchen. Ich habe keinen Hund.

Neben dem 9-teiligen Edelstahl-Messlöffel-Set und einem Hochdruckreiniger wird mir ein Rasenmäher und bleifreies Lötzinn mit „Kolophonium Kern“ angeboten. Ich lasse meine Gedanken kreisen: Was könnte ich denn mal löten? Mein Kopf ist leer.

Zahnaufhellungsstreifen (danke!) neben Küchenwasserhahn und einem LED-Leuchtband mit Appsteuerung. Und mit Damen-Sport-BHs fange ich erst gar nicht an. Egal, wie billig die sind.

Nach all dem wirkt die 40-Volt-Akku-Kettensäge neben dem Spiralschneider für Gemüsespaghetti schon regelrecht gut sortiert. Immerhin hat beides Klingen und man schneidet damit Pflanzen.

Und ich senke meine Hand, in ihr die grellweiß leuchtende Amazon-App, trete im Geiste neben meinen Körper und frage mich: Wirke ich so auf andere? Wie gesagt: Kunde seit 2000. Und: Nichts, nichts von dem Angebotenen kann ich gebrauchen.

Ich denke daran, dass mich jemand beim Stöbern durch diese Krempel-Katastrophe ertappen könnte. Und ich schäme mich.

Schnell in Massen alles raus. Was sollen da die Kunden denken? Egal. Selbst die Amazon-Eigenmarken-Schmuckstücke, die Echo-Lautsprecher, werden in diversen Varianten mit bis zu Zweidritteln des Kaufpreises als Rabatt rausgehauen. Echo Dot (3. Generation) 67 Prozent billiger. Echo Show 5 und Echo Show 8 sind auch Kassenknüller. Aber das sind doch die veralteten Modelle?! Ja! Oder? Man blickt nicht mehr durch. Echos als Restposten. Was müsste passieren, damit Apple einmal so wild seine alten Telefone verkloppt?

Andere Geschäfte locken mich online als ihren Stammkunden mit exklusiven Angeboten zu Artikeln, mit denen ich mich identifiziere. Schenken mir Gutscheincodes für 20 Prozent Rabatt auf einen Artikel meiner Wahl. Und das gefällt mir. Denn: Ich als mündiger Kunde entdecke bei mir einen Bedarf, suche im Laden nach dessen Deckung und freue mich dann, wenn mir als gutem Kunden dort beim Preis entgegengekommen wird.

Bei Amazon ist das Prinzip pervertiert. Hier steht am Anfang die Prozentzahl, die den Blick aufs Produkt lenkt, und am Ende sollen wir uns die Frage stellen: Kann ich das nicht gut gebrauchen? Bis wir uns einen Ruck geben: Komm, ich kauf ´s. Dann mache ich ein Schnäppchen: „Schatz, heute habe ich 67 Prozent gespart.“

Diese Verkaufs-Masche ist nicht neu. Aber dass uns hier alles offenbar hektisch und unbedacht auf die virtuelle Verkaufsfläche gezerrt wird („Kochen & Spühlen“, ja, mit h!), rührt doch sicher nicht nur an meinem Selbstverständnis als Stammkunden, der sich ja selbst gerne als wählerisch und gut informiert sehen will, und nicht als instinktgetriebenen Einheimser.

Prime klang doch immer irgendwie wie Premium. Jetzt klingt es wie Primark. Völlig ohne Not. Denn online ließe sich doch alles nach Belieben präsentieren und auf die jeweiligen Kunden zuschneiden. Der Amazon-Prime-Day hat bei mir den folgenden Kundenbindungseffekt: Ich will damit nichts zu tun haben!

Heute merke ich: Amazon und ich – ach, irgendwie passen wir vielleicht doch nicht so gut zusammen. Mal sehen, ob ich das bis zum Weihnachtsshopping verdaut haben werde.

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