Von der Partyhauptstadt zum Coronahotspot: „Wir wollen Berlin nicht lächerlich machen“

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Von der Partyhauptstadt zum Coronahotspot „Wir wollen Berlin nicht lächerlich machen“

Von der Partyhauptstadt zum Coronahotspot: Die Zahl der Coronainfektionen steigt in Berlin stark an, die Hauptstadt hat sich deshalb eine Sperrstunde verordnet und wirbt weniger um Touristen. Ob der Hotel- und Restaurantbranche nun eine Pleitewelle droht, erklärt Burkhard Kieker, Chef der städtischen Tourismusagentur VisitBerlin, im Interview.

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Burkhard Kieker ist Geschäftsführer der Berlin Tourismus & Kongress GmbH, die unter dem Markenzeichen VisitBerlin agiert.

Herr Kieker, als Geschäftsführer der städtischen Tourismusagentur VisitBerlin ist es Ihr Job, möglichst viele Touristen in die Hauptstadt zu locken. Nun sollen wegen der rasant steigenden Coronazahlen keine Besucher mehr kommen. Was bedeutet das für die Berliner Tourismusbranche?
Da gibt es offenbar ein Missverständnis. Touristen sind in Berlin weiter herzlich willkommen. Wir haben ein wirksames Hygienekonzept. Wenn man sich daranhält, ist auch eine Reise nach Berlin sicher. Es gibt hier trotz der Coronaeinschränkungen immer noch viel zu entdecken – und übrigens auch genug Platz, um Abstand zu halten.

Warum haben Sie dann die Werbung gestoppt?
Das betrifft die Radiowerbung in Süddeutschland, die lief kurz vor den Nachrichten, in denen die erste Meldung war: Berlin wird zum Risikogebiet. Das erschien uns dann doch sehr unpassend und da wir keine Kontrolle haben, in welchem Kontext der Spott gesendet wird, pausieren wir lieber. Wir wollen die Hauptstadt ja nicht lächerlich machen.

Sie sagen, dass Berlin für Touristen sicher ist, wenn sich jeder an die Regeln hält – aber genau das ist ja offensichtlich nicht der Fall, der Partyhauptstadt wurde eine Sperrstunde verordnet. Ein fatales Signal?
Nein, wir finden die Regelungen richtig. Ein staatlich verordneter Heilschlaf wird uns guttun. Die Sperrstunde ist eine vertrauensbildende Maßnahme. Berlin stand wegen der steigenden Zahlen im Fokus – nicht zu reagieren, wäre nicht nur falsch gewesen, sondern hätte uns als Reiseziel unattraktiver gemacht. Wenn die Infektionszahlen hoffentlich bald wieder sinken, können wir auch das Vertrauen der Touristen zurückgewinnen.

Und was ist mit den jungen Menschen, die wegen des Nachtlebens nach Berlin kommen?
Tatsächlich sind die meisten Menschen auch vor der Pandemie nicht zum Partymachen angereist. Wir haben durchschnittlich nur 15 Prozent, die in diese Kategorie fallen: Junge Menschen, die über das Wochenende herkommen und in Bars und Clubs gehen. 60 Prozent sind so genannte kulturelle Entdecker. Sie machen Sightseeing und möchten gut essen gehen. Das ist auch jetzt möglich.

Wer kommt denn momentan noch in die Hauptstadt?
Das sind vor allem Menschen aus Deutschland oder aus direkten Nachbarländern. Meistens reisen sie mit dem Auto an, um im Falle eines Lockdowns noch nach Hause zu kommen. Aber natürlich sind es viel weniger Touristen als sonst. Wir schätzen, dass wir im Vergleich zum Vorjahr 70 Prozent weniger belegte Betten haben werden. Im Juli und August waren wir noch Europameister bei der Bettenauslastung: Wir hatten 40 Prozent vom Vorjahr, während in Rom nur 12 Prozent und in Wien 20 Prozent der Betten belegt waren.

Wie wird der Berliner Tourismus die Pandemie durchstehen?
Das Wichtigste ist jetzt, dass die Zahlen runtergehen, dann kommen auch wieder mehr Touristen. Das haben wir auch in München gesehen.

Fürchten Sie eine große Pleitewelle in der Hotel- und Restaurantbranche?
Nicht alle werden es schaffen. Es hängt von der Dauer der Pandemie ab.

Mehr zum Thema: Bundeskanzleramtschef Helge Braun (CDU) über den Kampf gegen das Virus, digitale Wachstumshoffnungen und die Grenzen der Staatsrettung.

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