VDMA-Präsident zur Elektromobilität: „Wir haben uns in einem Dschungel von Dirigismus und Ideologie verlaufen“

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VDMA-Präsident zur Elektromobilität „Wir haben uns in einem Dschungel von Dirigismus und Ideologie verlaufen“

Carl Martin Welcker ist Unternehmer und Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau. Seine Firma arbeitet auch als Zulieferer für die Autoindustrie. Den Autogipfel bei der Kanzlerin bewertet er kritisch, insbesondere die „Verteufelung des Verbrennungsmotors“ und den „staatlich erzwungenen Transformationsprozess“ zur Elektromobilität.

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WirtschaftsWoche: Herr Welcker, viele Firmen aus dem deutschen Maschinenbau arbeiten auch für die Autoindustrie. Wie bewerten Sie das Ergebnis des Autogipfels gestern Abend bei der Kanzlerin?
Carl Martin Welcker: Es wurden zwei Themen besprochen. Die Digitalisierung und die Frage, wie man der Zulieferindustrie unmittelbar helfen kann. Staatliche Hilfe funktioniert unserer Meinung nach am besten, wenn man mit Verlustrückträgen bis 2017 arbeitet. Das ist notwendig, weil die Zulieferer mit der Automobilindustrie bereits 2019 abgestürzt sind. Es ist ziemlich hoffnungslos, in 2019 Gewinne zu suchen, die man mit Verlusten in 2020 verrechnen kann. Insofern würde es mehr helfen, die Verlustrückträge auf einen größeren beziehungsweise längeren Zeitraum zu ermöglichen.

Besonders gefährdet sind die Zulieferbetriebe, weshalb jetzt mit Hilfe privater Investoren ein Hilfsfonds geschaffen werden soll, um deren Eigenkapitalbasis zu stärken. Glauben Sie, dass das funktioniert?
Wenn es denn einen Hilfsfonds gibt, dann sollte dieser privatwirtschaftlich organisiert sein und finanziert werden. Die Kernfrage lautet aber: Welcher private Geldgeber investiert in Unternehmen, die sich in einem staatlich erzwungenen Transformationsprozess befinden? Wenn eine Firma ein Produkt hat, das auch in der neuen Autowelt gebraucht wird, dann erhält sie bei der Bank ohnehin einen Kredit oder findet alleine einen privaten Investor. Wer solche Produkte aber nicht hat und wer jetzt durch den Wandel vom Verbrennungsmotor zum Elektroantrieb unter die Räder zu geraten droht, dem kann im Kern auch nur sehr schwer oder gar nicht geholfen werden. An dieser Grenzlinie wird sich die Finanzierung spalten und insofern bin ich gespannt, wie der private Hilfsfond funktionieren wird.

Also kurz gesagt: Wer heute noch Vergaser für Benzinmotoren baut, der kann nicht mit der Hilfe des privaten Fonds rechnen?
Es wird zumindest schwer, vor allem im deutschen Markt. Andere Länder geben den Verbrenner ja noch nicht so schnell auf wie wir. Generell gilt aber: Ob ein Unternehmen Zukunft hat oder nicht, soll der Markt entscheiden und nicht ein Minister oder eine Regierung. Der Staat sollte auch in der Krise der Versuchung widerstehen, sich dem Strukturwandel in der Autoindustrie mit Hilfe des Steuerzahlers entgegenzustemmen. Er sollte nicht aus lauter Angst vor Arbeitsplatzverlusten in einem Bundestagswahljahr Unternehmen finanzieren, die nicht zukunftsfähig sind.

Immerhin hat die Politik darauf verzichtet, Staatsgelder für die Förderung von Verbrennungsmotoren zuzusagen. Richtig?
Ja, denn es ist stattdessen jetzt endlich einmal ernsthaft über die wirkliche Frage der automobilen Wende gesprochen worden, nämlich über die Frage, wie weit wir das Auto der Zukunft als rollenden Computer mit Batterie verstehen. Die größte Herausforderung für die gesamte Autobranche ist entgegen landläufiger Meinung eben nicht der Elektromotor, sondern die Digitalisierung.

Das ist aber keine neue Erkenntnis.
Das stimmt und deshalb wundere ich mich auch, dass in der Industrie jahrelang gewarnt wurde, ohne dass die Politik angemessen reagiert hat. Die Autoindustrie sagt schon seit geraumer Zeit, dass die Erzwingung der Elektromobilität bei übereiltem Ausschluss des Verbrennungsmotors zu hoher Arbeitslosigkeit führen wird. Wir sehen den ganzen Umwandlungsprozess in der Autoindustrie deshalb so kritisch, weil er nicht marktwirtschaftlich abläuft, sondern staatlich induziert ist.

Das müssen Sie erklären…
Es wird nicht wissenschaftlich und technisch gearbeitet, sondern rein ideologiegetrieben. Wenn E-Autos nicht genug Anklang bei der Bevölkerung finden, wird nicht über die Verbesserung des Produkts nachgedacht, sondern über die Erhöhung der Subvention. Es geht nicht, dass der Staat eine Technologie so lange mit Steuergeldern fördert, bis sich die Bürger Elektroautos kaufen. Das ist Ideologie und klimapolitischer Unsinn, weil wir zumindest in den nächsten Jahren ohnehin zu wenig Ökostrom für alle Elektroautos haben. Wir haben uns in einem Dschungel von Dirigismus und Ideologie verlaufen.

Der Klimawandel ist keine Ideologie, sondern Realität.
Das stimmt, aber wir dürfen nicht mit ideologischen Grabenkämpfen agieren, sondern müssen versuchen, dem Klimawandel mit den Mitteln der Ordnungspolitik, der Technik und der Wissenschaft entgegenwirken. Die Vermeidungstonne CO2 ist bei der Müllverbrennung oder der Zementherstellung am preisgünstigsten und dem Klima ist egal, in welchem Sektor Treibhausgase eingespart werden. Im Verkehrsbereich dagegen ist die Vermeidungstonne CO2 nachweislich am teuersten.

Das Elektroauto hat also – noch – keine Zukunft?
In der Stadt für kurze Distanzen schon. Aber was wir gerade bauen und verkaufen sind 2,8 Tonnen schwere SUV mit 800 Kilo Batterien. Das ökologisch gesehen Unsinn. Wir sollten den Verbrenner nicht verteufeln, sondern akzeptieren, dass die beiden Antriebsarten noch eine ganze Zeit nebeneinander existieren werden.

Bei der digitalen Infrastruktur für das autonome Fahren klaffen noch große Lücken, ebenso bei der Flächenabdeckung mit Ladesäulen. Kann diese Verspätung noch eingeholt werden?
Weder gibt es ausreichend viele Ladesäulen, vor allem in den Städten, noch gibt es genug grünen Strom. Auch deshalb ist das Propagieren des Elektroautos ein ziemlich schräges Konzert. Ohne ausreichende Reichweite und Infrastruktur ist das Elektroauto nicht wettbewerbsfähig. Damit beschädigen wir leider auch die Reputation des Elektroautos nachhaltig.

Bei Tesla scheint das anders zu sein.
Tesla verdient, wenn überhaupt, auch nur deshalb Geld, weil amerikanische, deutsche und andere Steuerzahler die gesamte E-Mobilität subventionieren. Ein sich selbst tragendes Geschäftsmodell sind Elektroautos heute noch nicht.

Wie soll genau die vereinbarte „stärkere Zusammenarbeit der Hersteller beim technologischen Wandel“ aussehen? Derzeit läuft gegen die großen Autofirmen noch ein Kartellverfahren wegen unerlaubter Absprachen.
Das sehe ich nicht wirklich als Problem. Die Zusammenarbeit kann ja auch vertikal sein, sie muss nicht horizontal sein. Das heißt Kooperation bei Forschung, bessere Verzahnung von Lieferketten, mehr Gemeinsamkeit und größerer Zugriff bei Datenverarbeitung und einiges mehr. Da sehe ich keine Schwierigkeiten von Seiten der Kartellbehörden. Es dürfen dabei aber nicht wieder nur die Großen gefördert werden, sondern vor allem die Kleineren, insbesondere die Zulieferer.

Wie ist die Lage des deutschen Maschinenbaus ein halbes Jahr nach dem Lockdown?
Wir spüren die Folgen in unserer Branche erst später, weil viele Maschinenbaufirmen noch Aufträge aus der Zeit vor der Pandemie abarbeiten. Deshalb treten die absehbaren Probleme erst 2021 ein. Mit einer echten Besserung rechne ich dann erst ab 2022.

Hat die Politik bei der Bekämpfung der Pandemie insgesamt richtig gehandelt?
Insgesamt ja. Die Hilfen wurden in der richtigen Höhe und angesichts der Fülle der Fälle auch sehr rasch gewährt. Auch die Verlängerung der Kurzarbeit war grundsätzlich richtig, denn die Unternehmen brauchen auch eine Perspektive. Kritischer sehe ich die Beteiligung des Staates an notleidenden Unternehmen und das Hinausschieben der Insolvenzmeldungen. Aber wie gesagt: Unter dem Strich hat die Politik in der Krise richtig gehandelt.

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