Große Nachfrage, steigende Preise: Unruhen in Hongkong? Nicht am Immobilienmarkt  

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AFP

Blick auf Hongkong: Die Unruhen in der Stadt sind bislang nicht in der Immobilienbranche angekommen.

Trotz anhaltender Massenproteste, schwächelnder Wirtschaft und wegbleibenden Touristen steigen die Immobilienpreise in Hongkong weiter kräftig. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres zogen sie offiziellen Angaben zufolge um knapp 10 Prozent an. Dabei haben die Immobilienpreise in den vergangenen zehn Jahren bereits um 200 Prozent zugelegt. „Ich habe kein Vertrauen in die Regierung, die Aussichten oder die Wirtschaft. Ich bin nur zuversichtlich, dass die Immobilienpreise in Hongkong nicht sinken werden“, sagt Lily Chow, eine 32-jährige Angestellte, die sich mit ihrem Mann gerade für 7,5 Millionen Hongkong-Dollar (umgerechnet 875.000 Euro) eine Drei-Zimmer-Wohnung gekauft hat.

Die Immobilienfirma Wheelock hat seit Ende August bereits 80 Prozent der 816 Wohnungen in ihren neuen Projekten verkauft. Die Quote sei niedriger als bei anderen Markteinführungen in diesem Jahr, aber „immer noch gut“ angesichts des aktuellen Umfelds, sagen Immobilienmakler. Trotz der politisch und ökonomisch ungewissen Zukunft der chinesischen Sonderwirtschaftszone gibt es kaum Anzeichen dafür, dass die Nachfrage der Hauskäufer nachgibt.

Hunderte von Interessenten standen am vergangenen Donnerstag in einem Verkaufsbüro im strahlenden Wolkenkratzer des International Commerce Centre (ICC) für ein neues Projekt in der Nähe des Bezirks Mong Kok an, wo einige der heftigsten Proteste der vergangenen Monate stattfanden. „Das politische Umfeld ist erschütterbar, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass der Immobilienmarkt unerschütterlich ist“, sagt Büroassistentin Candy Lau, während sie für den Kauf einer acht Millionen Hongkong-Dollar teuren Zwei-Zimmer-Wohnung von Sun Hung Kai Properties ansteht, dem nach Marktwert größten Immobilienentwickler Hongkongs. Eine Woche zuvor startete Sun Hung Kai den Verkauf von 352 neuen Wohnungen – bis auf eine wurden alle losgeschlagen.

„Nur ein kleiner Vorfall“

Ein Grund für den anhaltenden Boom: Täglich vergibt Hongkong 150 Aufenthaltsgenehmigungen an Festland-Chinesen. Und das, obwohl schon 7,4 Millionen Menschen auf nur 1100 Quadratkilometern leben, von denen 40 Prozent Landschaftsparks oder Naturschutzgebiete sind. Winzige Wohnungen sind auf dem teuersten Immobilienmarkt der Welt immer häufiger zu finden. Einige der ärmsten Menschen der Stadt leben in Käfighäusern. Auch anhaltende Frustration über unbezahlbaren Wohnraum spielen bei den Demonstrationen gegen die Regierung eine Rolle. Diese begannen zunächst als Protest gegen ein Auslieferungsgesetz mit China, die in Forderungen nach mehr Demokratie mündeten.

Die seit Monaten anhaltenden Protestaktionen schrecken Touristen in Scharen ab. Auch die Wirtschaft – die wegen des Handelskriegs zwischen den USA Und China sowie einer schwächeren Weltkonjunktur ohnehin unter Druck steht – leidet. Hongkongs Wirtschaft schrumpfte bereits im zweiten Quartal um 0,4 Prozent – auch weil Touristen der beliebten Shopping-Metropole in Asien fernblieben und so den Einzelhandelsumsatz dämpften. Kommt es im zu Ende gehenden dritten Quartal erneut zu einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes, würde Hongkong erstmals seit einem Jahrzehnt in die Rezession rutschen.

Potenzielle Käufer scheint das bislang nicht zu beeindrucken. Die jüngste Umfrage der Bank Citi Hongkong ergab, dass das Interesse an Immobilienbesitz im dritten Quartal sich kaum verändert hat, obwohl mehr Befragte eher einen Preisverfall als einen Anstieg in den nächsten zwölf Monaten erwarteten. „Die Proteste sind nur ein kleines Ereignis in Hongkong“, sagt Josephine Tsang, eine 57-jährige pensionierte Lehrerin, die kürzlich eine Wohnung für ihren 28-jährigen Sohn gekauft hat. „Wenn ich jetzt nicht kaufe, wird der Preis weiter steigen.“

cr/rtr

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