Konflikt um Syrien und drohende Sanktionen: Türkische Lira und Börse stürzen ab

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AP

Mit Beginn der massiven türkischen Angriffen auf kurdische Stellungen im Nordsyrien hat die türkische Lira rund 5 Prozent nachgegeben. Die türkische Wirtschaft gilt als fragil, eine Ausweitung des Konflikts mit Sanktionen durch die USA und Europa könnten der Wirtschaft stark schaden, sagen türkische Ökonomen

Die US-Drohung heftiger Sanktionen gegen die Türkei hat die Anleger nervös gemacht. Der Leitindex der Istanbuler Börse, der ISE National 100, schloss am Montag 5,1 Prozent. Türkische Banken-Aktien waren besonders betroffen, gaben im Schnitt noch mehr nach.

Auch die Anleihen des südeuropäischen Landes flogen aus den Depots. Dies trieb die Rendite der zehnjährigen Titel um rund einen Prozentpunkt in die Höhe auf 15,42 Prozent. Die Kosten für die Absicherung von Staatsanleihen gegen Zahlungsausfälle erreichten ein Sechs-Wochen-Hoch.

Der Verkaufsdruck auf die türkische Lira verteuerte den Dollar und den Euro am Montag um jeweils etwa ein halbes Prozent auf 5,9315 beziehungsweise 6,5358 Lira.

Türkische Lira erneut stark unter Druck

Die türkische Lira war bereits im vergangenen Jahr von einer Krise heimgesucht worden. Seit Jahresbeginn fiel sie um mehr als 12 Prozent gefallen, allein seit der Invasion türkischer Truppen in Nordsyrien um 5 Prozent.

Die Türkei steht wegen ihrer seit einigen Tagen laufenden Offensive in Syrien international in der Kritik. Händler und Investoren glauben aber nicht so recht an konzertierte Sanktionen gegen die Türkei: So hatten die USA im Sommer im Streit um den Kauf des russischen Flugabwehr-Systems S-400 durch die Türkei türkische Piloten zwar aus dem Trainingsprogramm für F-35-Kampfjets ausgeschlossen und die Lieferung weiterer Maschinen gestoppt. Auf weitere Sanktionen gegen den Nato-Partner verzichteten die USA aber seinerzeit..

EU verhängt vorerst kein formelles Waffenembargo

Die Regierungen der EU haben sich am Montag darauf geeinigt, die Waffenexporte in die Türkei im Rahmen ihrer Offensive in Nordsyrien zu beschränken. Ein formelles, rechtsverbindliches Embargo aber beschlossen sie nicht. Italien, der führende Waffenexporteur in die Türkei im vergangenen Jahr, erklärte sich bereit, dem zuvor von Deutschland und Frankreich ausgesprochenen Waffen-Export-Stopp beizutreten. Die Entscheidung Waffen zu liefern, obliege weiter den nationalen Regierungen, hieß es am Montag in einer von den EU-Außenministern verabschiedeten Erklärung. Ein vollständiges Embargo hätte die Türkei mit Venezuela und Russland auf eine Stufe gestellt, Länder, gegen die die EU ein offizielles Verbot verhängt hat und sie damit als feindselig definiert hat. Diplomaten sagten, die Minister in punkto Türkei zu dem gleichen Schritt nicht bereit.

Sanktionen der EU könnten Türkei mehr schaden als US-Sanktionen

Gleichwohl glauben einzelne Wirtschaftsexperten, dass Sanktionen die wirtschaftliche Erholung der Türkei beeinträchtigen könnten, insbesondere wenn ein längerer Kampf die Handelsbeziehungen der Türkei mit Europa unter Druck setzte. Die Importe und Exporte der Türkei mit Europa beliefen sich 2017 auf 155 Milliarden Euro (171 Milliarden US-Dollar) gegenüber 20 Milliarden US-Dollar in den USA. Vor dem Einmarsch des Militärs hatten die Türkei und die Vereinigten Staaten, sie wollten den jährlichen Handel auf 100 Milliarden Dollar steigern.

SEDAT SUNA/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Türkische Börse in Istanbul

Inanc Sozer, Chefökonom bei der türkischen Macroview Consulting, betonte, angesichts der drohenden Sanktionen würde er ein Nullwachstum in diesem Jahr als „Erfolg“ betrachten. „Aber wenn die USA nächstes Jahr Sanktionen verhängen, werden wir wieder von einer Schrumpfung sprechen, die etwa 5 Prozent betragen könnte“, zitierte der englischsprachige Reuters-Dienst den Experten.

Die türkische Wirtschaft sei „sehr fragil“. Sanktionen könnten die Hersteller in der Türkei stark unter Druck setzen, erklärte der Ökonom weiter. Erste Anzeichen gibt es bereits: Die kalenderbereinigte Industrieproduktion der Türkei, die weitgehend als Vorläufer der Wachstumszahlen angesehen wird, ging im August gegenüber dem Vorjahr um 3,6 Prozent zurück – und damit stärker als erwartet, wie die Daten am Montag zeigten.

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