Tesla-Chef in Tübingen: Elon Musk, der Leibliche

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Tesla-Chef in Tübingen Elon Musk, der Leibliche

Der Tesla-Chef besucht Deutschland – und selbst Minister scheinen nur darauf zu warten, dass ein wenig Abglanz des Unternehmerhelden auch auf sie fallen möge. Gütiger Himmel!

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Es gibt bei Twitter einen Bot-Account, der angeblich die Flugbewegungen von Elon Musks Privatjet verfolgt. Man kann dort etwa nachlesen, dass Musks Gulfstream Aerospace G650 ER mit der Kennung N628TS vor ein paar Tagen von Los Angeles über Doncester (England) und Würrich (Rheinland-Pfalz) in den Landkreis Esslingen aufgebrochen und von dort vergangene Nacht gegen 22.52 Uhr Richtung Berlin abgeflogen ist, nur um „approximately“ 46 Minuten später in Schönefeld zu landen. Man weiß nicht, ob Elon Musk selbst an Bord seiner Maschine war; der Account weist extra darauf hin, dass der Jet manchmal auch nur Angestellten des Raumfahrtunternehmens SpaceX zur Verfügung steht. Daher sind Berichte von Nachrichtenagenturen so wertvoll, die von Fotos berichten, auf denen zu sehen ist, dass Elon Musk der Leibliche am Montag oder Dienstag, so genau geht das aus der Meldung nicht hervor, „das Gelände von Curevac besuchte: Begleitet von Schaulustigen und bekleidet mit einem schwarz-weißen Tuch als Mund-Nasen-Schutz ging er von Gebäude zu Gebäude.“

Ist das zu glauben? Elon Musk ging in Tübingen von Gebäude zu Gebäude! Und hält sich nun also in Berlin auf, zu „Corona-Geheimgesprächen“, weiß die „Bild“. Aber vielleicht auch nur, um Wirtschaftsminister Peter Altmaier am Rande einer Fraktionsklausur einen Besuch abzustatten oder auch das entstehende Tesla-Werk im brandenburgischen Grünheide zu besuchen, das dort entlang der „Tesla-Straße“ entsteht. Es ist ein bisschen so, als hielte sich der Papst in Deutschland auf – mit dem feinen Unterschied, dass sich das Oberhaupt der katholischen Kirche als Stellvertreter Gottes den Trostbedürftigen und Hoffnungsbereiten zeigen muss, während in Elon Musk eher so etwas wie der Heilige Geist einer segensreichen Zukunft durchs Land west und waltet, also bereits auf Sichtbarkeit verzichten kann. Anders gesagt: Selbst der Papst muss noch „nah bei den Menschen“ sein – während Musk sich uns bereits offenbart.

Am Anfang steht dabei auch bei ihm oft das Wort: „Tesla baut als Nebenprojekt RNA-Mikrofabriken für Curevac“, so Musk vor ein paar Tagen. Und was immer das auch heißt, das Wort Musk ist endgültig im Sinne einer guten Nachricht – weil alles, was der Meister aus dem Silicon Valley auch nur gedanklich wertschätzt, uns alle am Ende bereichert: das E-Auto, recyclebare Weltraumraketen, der Hyperloop – warum also nicht auch synthetische Ribonukleinsäuren.

Ist das noch Heldenverehrung oder schon Aberglaube? Schwer zu sagen. Mit Blick auf die Aktionäre von Tesla ist man leicht versucht, vom „Tanz um das goldene Kalb“ zu sprechen. Mit Blick auf Elon Musk von der fast schon kultischen Verehrung für einen unternehmerischen Schumpeter-Helden. Aber was sollen wir von der fast schon marienhaften Empfängnisbereitschaft der Politik gegenüber der Erobererfigur Elon Musk halten? Und von der schieren Ereignishaftigkeit, die nicht zuletzt Journalisten dem bloßen Erscheinen eines Firmenchefs beimessen?

Der sehr deutsche Philosoph Jürgen Habermas hat einmal bemerkt, „dass sich, wo immer ‚Helden‘ verehrt werden, die Frage stellt, wer das braucht – und warum“. Es ist daher gerade für uns Deutsche beruhigend, dass eine erste Antwort tröstlich ausfällt: Wir finden in der Verehrung für Elon Musk noch Motive der Exzeptionalität und Männlichkeit, gewiss, aber keine mehr der Agonalität und gehorsamen Opferbereitschaft: Deutsche Helden sollen nicht mehr auf dem Schlachtfeld und für eine höhere Sache sterben, sondern uns auf fast schon infantile Weise affizieren: als comicartige Superhelden, denen ein ganz und gar antibellizistischer Tatendrang, Nonkonformismus und positives Rebellentum eignet. Und was die Inszenierung seiner Heldenhaftigkeit anbelangt, das muss man ihm lassen, hängt Elon Musk mit seinem Deutschlandbesuch sogar Greta Thunberg ab. Die Klimaaktivistin hat durch die Offenheit ihrer Gespräche mit den Mächtigen an Aura eingebüßt. Der Tesla-Gründer dagegen weiß sich noch immer als Unantastbarer zu mystifizieren, der sich den weltlich Mächtigen gleichsam von außen zeigt – wann immer es ihm beliebt. In diesem Sinne: Herzlich Willkommen, Elon Musk!

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