Riedls Dax-Radar: Trotz Trump-Infektion: Gewinner-Aktien sind stärker als Corona

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Trumps Corona-Infektion erhöht die Unsicherheit an den Börsen. Das kann vor allem im Dax knapp werden, da der durch Enttäuschungen wie den Absturz von Bayer besonders belastet wird. Anleger tun gut daran, sich auf Favoriten zu konzentrieren – wie etwa Infineon.

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Mit einem Kursabsacker von 150 Punkten reagiert der Dax auf die Nachricht, dass Präsident Trump mit dem Coronavirus infiziert sei. Trump wird in Quarantäne zwar seine Amtsgeschäfte weiter führen, sein Wahlkampf aber ist eingeschränkt. Andererseits funktioniert sein wichtigster Kommunikationskanal weiterhin, das Netzwerk Twitter. Dass es wahrscheinlich nicht zu einem zweiten Fernsehduell mit seinem Herausforderer Joe Biden kommt, könnte sich angesichts der umstrittenen ersten Veranstaltung sogar als Vorteil erweisen.

Je nach Verlauf der Infektion und möglicher Symptome wird Trump ohnehin versuchen, aus der neuen Lage soviel politisches Kapital wie möglich zu schlagen. Am Ringen um das jüngste Konjunkturpaket dürfte sich wenig ändern. Das Repräsentantenhaus hat zwar zugestimmt, im Senat dürften die Republikaner die enorme Neuverschuldung ablehnen. Eine Lösung vor der Wahlentscheidung wird immer unwahrscheinlicher. 

Beim Dollar kam es nach den ersten Meldungen über Trumps Infektion zu einen kurzen Anstieg, im Gegenzug ist der Euro zeitweise unter 1,17 Dollar abgetaucht. An der Bandbreite der Schwankungen der vergangenen fünf Tage, die zwischen 1,1670 und 1,1770 lagen, hat sich indessen nichts geändert. Für Anleger heißt das: Wenn die für politische Implikationen besonders sensiblen Währungsmärkte keine neue Richtung einschlagen, dürfte sich auch an der Grundtendenz der Aktienbörsen nicht viel ändern. 

Bayer für Anleger tabu, ungebrochener Boom bei Infineon 

Am deutschen Aktienmarkt kristallisiert sich eine Zweiklassengesellschaft heraus. Auf der einen Seite gibt es eine ganze Reihe von Aktien, die seit Monaten erhebliche Probleme haben und bei denen es immer wieder zu Enttäuschungen kommt. Akutes Beispiel dafür ist Bayer. Zwischenzeitlich, nachdem die Leverkusener einen wichtigen Vergleich mit Glyphosat-Klägern in den USA zustande gebracht hatten, kam die Hoffnung auf, Bayer könnte die Wende schaffen. Doch schon da gab es Zweifel, ob vor allem die aus Monsanto geformte Agrarsparte die hohen Erwartungen erfüllen könne. 

Nun schlägt es genau hier ein. Das Agrargeschäft ist deutlich schwächer als erhofft und dürfte angesichts gedrückter Preisen für Nutzpflanzen und taumelnder südamerikanischer Währungen weiter triste Aussichten bieten. Die Hoffnungen, dass die im Frühjahr vorgenommenen Milliardenabschreibungen nur ein Ausrutscher waren, sind angesichts neuer Abschreibungen und gekappter Gewinnziele verflogen. 

Schon seit Anfang Juli sind Bayer-Aktien auffällig schwach. Zeitlich deckt sich das mit dem enttäuschenden Verlauf der bisherigen Agrarsaison. Nun ist die Aktie sogar unter das Corona-Tief vom März gestürzt. 

Eine Stabilisierung für den Kurs könnte es durch Übernahmespekulationen oder eine Aufteilung des Konzerns geben. Vor allem die Pharmasparte entwickelt sich durchaus vielversprechend. Wer Bayer-Aktien allerdings in der jetzigen Verfassung kauft, muss sich auch das problematische Agrargeschäft ans Bein binden – und deshalb ist die Aktie für Anleger erst einmal tabu. Mittelfristig könnte der Kurs sogar bis in den Bereich um 30 Euro abrutschen, dem Tief in der Finanzkrise. 

Das Gegenbild zu Bayer liefert WirtschaftsWoche-Favorit Infineon. Auslöser des jüngsten Kurssprungs waren positive Meldungen des Halbleiterunternehmens STMicroelectronics zu den Aussichten der Chipbranche, vor allem bei Halbleitern für die Fahrzeugindustrie, ein Schwerpunkt von Infineon. Im Hinterkopf dürften Anleger dabei auch die angepeilte Megafusion von Nvidia und ARM haben. Die ist nicht nur ein Zeichen für die Nachhaltigkeit des Booms am Chipmarkt. Beide Aktien weisen Bewertungen auf, die um ein Vielfaches über der von Infineon liegen. 

Aktuell sind Infineon-Aktien über die Kursspitzen aus den Jahren 2017 und 2018 gestiegen. Auch wenn die Aktie kurzfristig das erreichte Niveau erst einmal festigen muss, sollte hier noch nicht Schluss sein. Der Blick auf den kompletten Verlauf seit dem Börsengang vor 20 Jahren spricht dafür, dass Infineon langfristig noch substanzielles Kurspotenzial birgt. 

Zwischen Verlierern wie Bayer und Gewinnern wie Infineon stecken Wackelkandidaten wie HeidelbergCement. Durch milliardenhohe Abschreibungen hat der Baustoffkonzern im ersten Halbjahr erhebliche Risiken aus seinem Zahlenwerk genommen. Als Belastung erwiesen sich hier immer noch die vor Jahren vollzogenen, großen Übernahmen. Ebenfalls positiv ist, dass sich der Verlauf des operativen Geschäfts seit einigen Monaten deutlich erholt. Auf der anderen Seite sind die britischen Unternehmungen durch den Brexit belastet, die US-Tochter muss bei der Rendite nachholen, und auf dem wichtigen indonesischen Markt gibt es immer mehr Widerstand gegen die mögliche Ausbeutung großer Kalksteinvorkommen. Kurzfristig dürfte der Kurs von HeidelCement in der Schwebe bleiben, spätestens im Bereich zwischen 40 und 50 Euro sollten die Käufer wieder kommen. 

Nasdaq stark, Dow Jones im Kommen, Wackelpartie im Dax 

An den US-Börsen sieht es derzeit nicht danach aus, dass es wegen Trumps Infektion zu einem neuen Trend käme. Der 100-Index der Technologiebörse Nasdaq hat sich um das Niveau von 11.000 Punkten stabilisiert. Der Abstand zur Durchschnittslinie der vergangenen 200 Tage und zum wichtigen Kursniveau um 10.000 Punkte ist deutlich. Das ist ein Zeichen für die innere Stärke des Technologiemarktes. Im Gegensatz zu verbreiteten Befürchtungen, die gut gelaufenen Hightech-Aktien könnten die Märkte nach unten ziehen, erweisen sich die Tech-Favoriten vielmehr als Stützen der Börsen. Die klassischen US-Aktien sehen nicht so robust aus, doch auch der Dow Jones hat sich durch den Kursanstieg der vergangenen Tage aus der akuten Abwärtsgefahr befreit, die in der dritten Septemberwoche bestand. 

Fazit zum Dax: Im Vergleich zu den US-Börsen fiel die Erholung im Dax in den vergangenen zwei Wochen mager aus. Das ist ein Warnsignal. Bisher kann der Dax die entscheidende Untergrenze zwischen 12.200 und 12.500 Punkten verteidigen. Es wäre wichtig, dieses Kursniveau zu halten, da dies die Bestätigung des mittelfristigen Kaufsignals ist, das der Dax mit dem Schnitt der 200er-Linie durch die schnellere 100er-Linie Mitte September gegeben hat.

Ohne Frage wäre ein Rückgang unter die Zone 12.200 bis 12.000 Punkte eine herbe Enttäuschung für viele Käufer, die seit Juli in der Hoffnung auf ein Comeback der Märkte neu aufgesprungen sind. Das expansive Zinsumfeld und die bisherige konjunkturelle Erholung sprechen dafür, dass der Dax sein positives Szenario verteidigen kann. Größtes Risiko ist Corona. Eine neue Eskalation könnte einen Strich durch die Börsenrechnung machen. 

(Hinweis: Der nächste Dax Radar erscheint erst wieder in der zweiten Oktoberhälfte)

Mehr zum Thema: Der Kurscrash von Bayer offenbart das Desaster der Monsanto-Übernahme – und könnte Bayer selbst zum Übernahmeziel machen, inklusive Zerschlagung.

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