Riedls Dax-Radar: Die US-Notenbank stellt der Börse einen Freifahrtschein aus

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Die US-Notenbank verschafft sich mehr Spielraum für ihre Geldpolitik und befeuert damit den Aufschwung am Aktienmarkt. Im Dax signalisieren immer mehr Einzelwerte, dass die Kletterpartie noch an Fahrt gewinnen kann.

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Ein Wunder wäre es nicht gewesen, wenn die Aktienmärkte auf das, was Jerome Powell vor kurzem sagte, durch die Decke gegangen wären. Der Chef der amerikanischen Fed hat auf dem wichtigen Notenbanktreffen in Jackson Hole in Wyoming schlichtweg eine neue Richtung der Geldpolitik verkündet. Galt bisher die Maxime, die Zinsen so lange unten zu halten, bis sich die Wirtschaft erholt und dabei möglichst Inflationsraten um zwei Prozent anzupeilen, so können die Inflationsraten nun vorübergehend auch über die Marke von zwei Prozent steigen, wenn sie vorher darunter lagen. Zudem soll in Zukunft die maximale Beschäftigung der Wirtschaft direkt mithilfe der Fed-Maßnahmen angesteuert werden.

Für die Märkte heißt das: Die Fed ist in ihrer Geldpolitik noch flexibler als bisher. Sie hat nun die Möglichkeit, die Zinsen auch dann auf niedrigem Niveau zu lassen, wenn die Wirtschaft schon wieder anzieht. Eine vorsorgliche, an der Inflationsbekämpfung orientierte Zinserhöhung im frühen Stadium einer Konjunkturerholung dürfte es damit nicht mehr geben. Genau vor einem solchen Szenario hatten die Märkte bisher besonders Angst: Weil damit zum einen die Gefahr verbunden wurde, die Notenbank könnte nur wegen der Inflationsbekämpfung einen Aufschwung unbeabsichtigt schon im Keim ersticken. Zweitens müssen die Märkte damit jetzt keine Angst mehr vor frühzeitigen Zinsstraffungen haben wie 2015 und 2016, nach denen es zu deutlichen Rückschlägen am Aktienmarkt kam.

Die Marktreaktionen auf die neue Richtung der Fed sind bisher uneinheitlich: Die Renditen bei den langfristigen US-Anleihen sind sogar auf 0,77 Prozent gestiegen und setzen damit ihre Kletterpartie fort, die seit dem Tief von 0,5 Prozent Anfang August läuft. Im Dollar kam es zunächst zu heftigen Ausschlägen, seit Freitag (28. August) neigt der Greenback wieder zur Schwäche. Der Dow Jones machte am Tag der Powell-Rede zwar insgesamt 160 Punkte gut, im Sitzungsverlauf starteten die Kurse aber keineswegs durch, sondern landeten letztlich weit unter Tageshoch.

Dass die Wertpapiermärkte auf den für sie durchaus positiven Schwenk bisher ohne Euphorie reagieren, könnte verschiedene Gründe haben: Schon bisher war die US-Geldpolitik extrem expansiv, womit die neue Richtung nur eine formale Bestätigung wäre und keine substanzielle Änderung. Ein möglicher Präsidentenwechsel könnte seinen Schatten vorauswerfen, und das wiederum könnte sich auf die Notenbankpolitik auswirken. Zudem signalisieren die jüngsten Daten der US-Wirtschaft den Fortgang der schrittweisen Erholung, womit auf absehbare Zeit mit keinen unerwarteten Zinsmaßnahmen zu rechnen sei – egal, ob nun alte oder neue Geld-Doktrin.

Unterm Strich dürfte die neue Ausrichtung der Fed die Aktienmärkte stärken, den Dollar schwächen, die Renditen für US-Anleihen auf niedrigem Niveau halten, und für Edelmetalle ein gutes Umfeld darstellen.

Im Dax kam es als Reaktion auf die Powell-Rede zu keinen besonderen Kursausschlägen. Als bremsender Faktor mag die Angst vor einem zu starken Verfall des Dollars mitschwingen. Dabei ist das Wechselverhältnis beider Währungen derzeit ohnehin an einem neuralgischen Punkt angelangt: Seitdem der Euro an den Kapitalmärkten eingeführt wurde, also vor gut zwei Jahrzehnten, ist der Bereich um 1,20 Dollar die Mittelachse der langfristigen Kursschwankungen. Von 2001 bis 2003 lag der Euro darunter, von 2004 bis 2014 darüber, und seitdem (abgesehen von einem kleinen Kurssprung Anfang 2018) wieder darunter. Zudem verläuft bei 1,20 Dollar auch der seit 2008 bestehende langfristige Abwärtstrend des Euro gegenüber dem Dollar.

Steht dem Euro ein lange Hochphase bevor?

Für die Märkte bedeutet das: Sollte, angetrieben durch die Zinspolitik der Fed, sich der Dollar nun substanziell abschwächen, wird der Euro mit einem deutlichen Anstieg über 1,20 Dollar eine neue, womöglich langjährige Phase der Stärke einleiten. Auch wenn darin kein Automatismus für sinkende Aktienkurse steckt (von 2003 bis 2007/08 sind Dax und Euro gleichzeitig und massiv gestiegen), müssten sich viele Unternehmen und Marktteilnehmer erst wieder auf das neue Umfeld einstellen: Das beginnt bei einer schwierigeren Position im internationalen Wettbewerb, geht über neue Absicherungspositionen bis hin zu einem möglichen dauerhaften Anstieg von Gold und Rohstoffen und der damit verbundenen Inflations-Indikation. Der seit einigen Wochen laufende dynamische Anstieg der zentralen Industriemetalle Kupfer und Aluminium passt dazu genauso wie eine mögliche weitere Verteuerung auf den Ölmärkten.

Im Dax setzt sich derzeit die Stabilisierung der Industriewerte fort: Daimler behauptet sich weiter über der wichtigen Marke von 40 Euro; BMW könnte in der kommenden Woche die Hürde um 60 Euro in Angriff nehmen; Continental baut zwischen 80 und 95 Euro zunehmend Kaufdruck auf; Covestro hat mit dem Anstieg über 38 Euro ein Kaufsignal gegeben; bei Henkel läuft der Versuch, die 200-Tage-Linie um 85 Euro hinter sich zu lassen; Siemens hat bei 120 Euro eine seit zwei Jahren bestehende Top-Zone erreicht, ein wichtiges Zwischenziel, mit dem die Aufwärtsbewegung der vergangenen Monate bestätigt wird. Selbst bei BASF sieht es so aus, als ob der Kampf um die 50-Euro-Marke gewonnen wird. Die Technologiewerte SAP und Infineon setzen auf hohem Niveau ihre Kletterpartie fort. Bei den großen Finanzwerten deutet sich eine Stabilisierung an: Allianz sollte nicht mehr unter 175 Euro fallen, die Münchner Rück hat mit Notierungen um 240 Euro ihren alten, seit 2011 bestehenden Aufwärtstrend wieder zurückerobert.

Fazit zum Dax: Die Geldpolitik der US-Notenbank beschert den Märkten ein noch vorteilhafteres Umfeld als bisher, weil sie einer tendenziellen Inflationierung in die Hände spielt und trotzdem keine Zinskeule droht. Die konjunkturelle Erholung, die mittlerweile bei den Industrieunternehmen angekommen ist, dürfte sich im zweiten Halbjahr fortsetzen, ein stärkerer Euro sollte daran erst einmal nichts ändern.

Dank der stabilen Verfassung seiner führenden Aktien macht der Dax weder einen überzogenen noch einen angeschlagenen Eindruck. Zuletzt ist der Index genau bis an das Juli-Hoch bei 13.250 Punkte gekommen. Von hier aus ist eine vorübergehende Korrektur möglich, die spätestens bei 12.800 Punkte abgefangen werden sollte. Auch ein noch weiterer Rückgang in den Bereich um 12.600 wäre kein Drama. Erst bei einem derzeit nicht erwarteten Rutsch unter 12.200 Punkte wäre das positive Szenario im Dax in Gefahr.

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