Riedls Dax-Radar: Das Comeback an den Börsen geht weiter

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Die Coronazahlen steigen, doch immer mehr Aktien schaffen die Wende. Selbst die schwer gefallenen Autowerte Daimler und BMW stehen nun in den Startlöchern.

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Die US-Wirtschaft kommt aus dem Tief. Im zweiten Quartal betrug der Rückgang noch ein Drittel. Nun zeigen die jüngsten Daten, dass es im Sommerquartal ein deutliches Wachstum geben wird, von niedrigem Niveau aus. Offensichtlich haben auch in den USA immer mehr Menschen gelernt, mit der Pandemie zu leben. Die Angst vor erneuten Rückschlägen bleibt virulent. Doch sie sorgt dafür, dass Geldpolitik und Konjunkturpolitik ihren extrem expansiven Kurs beibehalten – erst recht im Umfeld des Wahlkampfs.

Mit der fortgesetzten Erholung der Konjunktur kam es am US-Kapitalmarkt nicht zum befürchteten abermaligen Rutsch der Renditen. Im Gegenteil. Bei 0,50 Prozent, auf dem Niveau des März-Tiefs, drehten die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen aus dem Stand und zogen in wenigen Tagen dynamisch auf 0,71 Prozent an.

Wie überraschend dieser Anstieg kam, der wohl etliche Marktteilnehmer auf dem falschen Fuß erwischt hatte, offenbart die Reaktion am Goldmarkt. Hier kam es zum größten Einbruch seit sieben Jahren, weil die Hoffnung auf noch niedrigere Realzinsen erst einmal verflogen ist. Die vorangegangene Euphorie auf den Edelmetallmärkten trug natürlich auch dazu bei, dass diese Reaktion so heftig ausfiel. Mittelfristig gibt es noch keine Anzeichen dafür, dass die US-Zinsen Boden gefunden hätten – und auch keine für ein Ende des großen Goldrauschs.

Auch in Europa führen steigende Coronazahlen und Pannen in der Pandemiebekämpfung wie in Bayern zu einer anhaltenden Verunsicherung. Allerdings, schon bisher hat die deutsche Wirtschaft den Verlauf der Pandemie besser weggesteckt als andere Länder, vor allem in Südeuropa. Das begrenzt auch jetzt den Einfluss der Pandemie an den Börsen.

Zudem hilft die jüngste Stabilisierung des Dollars. Da die US-Renditen nicht auf ein neues Tief gestürzt sind, fasste der Greenback erst einmal Tritt. Die Hoffnung auf eine fortgesetzte Konjunkturerholung und zugleich auf eine Entspannung auf der Währungsseite hilft derzeit vor allem den tief gesunkenen, klassischen Industriewerten.

Autoaktien arbeiten sich hoch

Im Dax stehen die Autoaktien in den Startlöchern. Bei Daimler waren die Zahlen zum zweiten Quartal außergewöhnlich schwach, doch das war erwartet worden. Im Juli zogen die Verkäufe wieder dynamisch an. Zudem wächst nun gerade in der Krise die Hoffnung auf den seit Jahren erwarteten Konzernumbau – vom Stellenabbau bis zur Umsetzung der Elektrostrategie. Zugleich erzielt Daimler in den USA eine wichtige Einigung mit Sammelklägern und Behörden im Abgasstreit.

Daimler-Aktien sind in den vergangenen Tagen über die wichtige Hürde um 40 Euro gestiegen und haben die Durchschnittslinie der vergangenen 200 Tage hinter sich gelassen. Das könnte ein weiterer Baustein zur großen Kurswende werden, in der Daimler-Aktien nach fünf Jahren Abwärtstrend stecken. Letztlich könnte der Corona-Crash vom März damit der Ausverkauf am Ende einer langen Abwärtsbewegung gewesen sein, markttechnisch die überfällige Bereinigung, nach der Daimler-Aktien reif sind für die Wende.

Optimal wäre es für Daimler-Aktien jetzt, wenn sich die Notierungen in den nächsten Wochen zwischen 40 und 54 Euro (dem Hoch vom November 2019) halten. Dann könnte sich daraus bis nächstes Jahr ein tragfähiger Kursboden entwickeln, der Daimler langfristig wieder in den Bereich 70 bis 80 Euro befördern könnte.

Bei BMW sieht es ähnlich aus. Auch hier gibt es nach dem dramatischen Coronaeinbruch eine spürbare Erholung der Absatzzahlen. Im Gegensatz zu Daimler haben BMW-Aktien ihre kurstechnische entscheidende Hürde, die hier um 60 Euro liegt, aber noch nicht genommen. Kurzfristig können die Bayern deshalb im Schatten der Schwaben stehen. Mittelfristig sollten vor allem der zügige Ausbau der Elektromobilität, den BMW gerade wieder durch Abmachungen mit neuen Batteriezellenlieferanten fortsetzt, die Notierungen beflügeln. Der Aktie zugute kommt die besonders solide Finanzposition des Unternehmens, mit der BMW-Papiere in operativen Krisenzeiten zu einem Substanzwert werden.

Energiekonzern RWE mit weniger Umsatz, aber mehr Gewinn

Zu den stärksten Aktien im Dax gehört RWE. Seit dem genialen Deal mit E.On (bei dem E.On zum Netzkonzern wird und RWE sich in Richtung neue Energien entwickelt), zieht die Aktie nachhaltig nach oben. Im ersten Halbjahr ist zwar die Stromerzeugung um neun Prozent gesunken, der Umsatz aber blieb stabil. Der Nettogewinn ist sogar gestiegen. Bei Anlegern profitiert RWE nicht nur von der neuen Hochschätzung nachhaltiger Anlagen (und solcher, die das gern in den Vordergrund rücken), sondern auch von der deutlich geringeren Verschuldung als E.On.

Mit Kursen um 34 Euro haben RWE-Aktien den Corona-Crash komplett ausgebügelt. Die Notierungen sind nun sogar dabei, einen großen, mehrjährigen Kursboden abzuschließen. Entscheidend dafür wird sein, ob die Kurse durch die Widerstandszone zwischen 35 und 38 Euro dringen können. Mit Blick auf den cleveren Wandel bei RWE stehen die Chancen dafür gut. Die Aktie ist ein langfristiges Basisinvestment unter deutschen Standardwerten.

Fazit für den Dax: Dem Aktienmarkt gelang in der vergangenen Woche der dynamische Anstieg über 12.750 Punkte hinaus, zeitweise kam er sogar wieder über die Marke von 13.000 Punkten. Das ist angesichts der nach wie vor von Corona überschatteten Stimmung ein Zeichen von Stabilität. Der Abstand zur 200-Tagelinie, die bei 12.208 Punkten verläuft, ist deutlich; auch das spricht für zunehmende Marktstärke. Dow Jones, Nasdaq 100 und S&P 500 sind in robuster Verfassung, mehr als kurzfristige Korrekturen sollten hier vorerst nicht anstehen.

Der vor einige Wochen angekündigte Rückgang der Volatilitäten, der erwarteten Kursschwankungen am Aktienmarkt, setzt sich fort. V-Dax und V-Stoxx sind in den mittleren 20er-Bereich abgesunken. Das ist ein wichtiges Signal für eine Normalisierung an den Aktienmärkten. Weitere Daten zur wirtschaftlichen Erholung, und ein Euro, der erst einmal unter 1,20 Dollar bleiben sollte, stützen den Markt zusätzlich. Der Dax sollte sich in den nächsten Wochen damit in der Bandbreite 12.500 bis 13.500 Punkte gut halten können.

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