Reimer direkt: Es ist kein Naturgesetz, dass Tesla immer steigt

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Hauke Reimer Stellvertretender Chefredakteur WirtschaftsWoche

Finanzinvestoren wollen noch schnell Kasse machen. Doch die Börse spielt ein Post-Corona-Szenario durch – deshalb die Verluste vieler Techwerte.

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Es hat etwas von einem Rattenrennen. Nach der spektakulären Erholung der Börsen vom Panik-Tief aus dem März wollen möglichst viele Finanzinvestoren und Konzerne noch schnell Kasse machen und Unternehmen an die Börse bringen – angefangen vom weltgrößten Fintech Ant Group, das rekordverdächtige 20 bis 30 Milliarden Dollar einsammeln will, bis hin zum deutschen Wohnmobilbauer Knaus Tabbert.

Auffällig viele verkaufen sich als Coronagewinner, die von Onlinehandel, Home Office oder dem Trend zur digitalen Weiterbildung profitieren. Ein Coronafall für sich sind die Wohnmobile, mit denen Seniorenpaare in diesem Sommer zu Tausenden in deutsche Feriengebiete einfielen.

Die Kandidaten wollen noch „das Zeitfenster“ zum Sprung an die Börse nutzen, wie Investmentbanker das nennen. Dieses Fenster könnte sich schnell wieder schließen und hoffnungsfrohen Zeichnern der neuen Papiere unangenehme Momente bescheren. Der harte Kurseinbruch bei den Software- und Internetwerten in den USA jedenfalls signalisiert dies. Das Virus bewegt die Börsen vorerst nicht mehr. Die Welt geht nicht unter, und wir werden uns auch in Zukunft nicht nur noch im Digitalen bewegen. Deshalb der Favoritenwechsel. Anleger nehmen bei Coronaprofiteuren Gewinne mit – und Verlierer holen auf: Chemie, Autos, sogar Reiseaktien.

Bei den Techgiganten sehen wir, was Börsianer mit der ihnen eigenen Arroganz Milchmädchen- oder Taxifahrer-Hausse nennen: Kleine Spieler zocken kräftig mit. Teenager und Millennials nutzen günstige Trading-Apps so, wie sie es von Computerspielen gewohnt sind: Erst schießen, dann fragen. Sie haben gekauft, was sie konsumieren oder nutzen wollen: Apple, Spotify, Tesla. Jetzt merken sie: Es ist kein Naturgesetz, dass die Tesla-Aktie immer steigt. Und verlieren nicht nur Coins oder eins von zehn virtuellen Leben, sondern Geld.

Grundsätzlich, und das ist die Basis des Booms, ist Geld vorhanden – und Alternativen sind rar. Im Technowahn des Jahrs 2000 war das anders. Wer da sein Geld von der Börse nahm, konnte es in sichere Bundesanleihen zu fünf Prozent stecken. Heute sind die nicht mehr so sicher und rentieren negativ. Also: Aktien ja, aber besser etwas von den Giganten abziehen und in kleinere Techwerte packen – und in Industrieaktien. So tot, wie immer getan wird, sind die nicht – auch wenn sie keinen Elon Musk haben.

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