Quarantäne in China: „Der Aufenthalt war ein Selbsterfahrungs-Trip“

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Quarantäne in China „Der Aufenthalt war ein Selbsterfahrungs-Trip“

In China gilt das Coronavirus als so gut wie besiegt. Die Angst vor Neuinfektionen durch „importierte Fälle“ ist aber groß. Deutsche Geschäftsleute müssen eine knallharte Quarantäne über sich ergehen lassen.

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Eigentlich sollte es für Roland Tonner und seine Kollegen schon Anfang des Jahres auf eine Dienstreise nach China gehen. Der Auftrag: Hochtemperatur-Sinteröfen, die etwa Autozulieferer nutzen, aufbauen und in Betrieb nehmen. Der Ausbruch der Coronakrise machte Tonner allerdings schnell einen Strich durch die Rechnung. Flüge fielen aus und strenge Einreisebeschränkungen erschwerten die Planung zusätzlich. Die Maschinenteile stapelten sich in verschiedenen Teilen Chinas über Monate, ohne dass es irgendwie voran ging.

Erst Mitte August konnte der 47-Jährige nach China reisen, allerdings nicht mit einem regulären Linienflug, sondern mit einem Sondercharterflug, organisiert von der deutschen Außenhandelskammer. Die Plätze dafür sind begehrt, denn „neben der Bewerbung über unser Unternehmen benötigten wir noch die Einladung von einer chinesischen Firma, die bestätigt, dass die Ingenieure und Servicetechniker dringend benötigt werden zum Aufbau der Anlagen“, so Tonner.

Wie Roland Tonner geht es derzeit allen Geschäftsleuten und Technikern, die nach China reisen wollen. Die Volksrepublik hat das Coronavirus mit drastischen Maßnahmen bekämpft. Hunderte Millionen Menschen standen auf dem Höhepunkt der Pandemie im Frühjahr unter strikter Quarantäne. Vielen war es im Lockdown nicht einmal gestattet, das Haus für Einkäufe zu verlassen. Durch die massiven Einschränkungen ist es China gelungen, das Virus praktisch auszutrocknen. Neue Infektionen werden – bis auf einige lokale Ausbrüche, die stets mit neuen Lockdowns und Massentests schnell wieder unter Kontrolle gebracht wurden – schon seit Monaten nicht mehr gemeldet. Als größtes Risiko gilt die Einschleppung aus dem Ausland.

Monatelang konnten Ausländer überhaupt nicht mehr nach China gelangen, da die zweitgrößte Volkswirtschaft die Visavergabe aussetzte. Zum Ärger der deutschen Wirtschaft läuft der Reiseverkehr noch immer nur schleppend. „Die chinesische Regierung vollzieht weiterhin einen Balanceakt zwischen der Vermeidung eines großflächigen weiteren Lockdowns und dem Gesundheitsschutz“, sagt Jens Hildebrandt, Geschäftsführer der Deutschen Handelskammer in Peking.

Laut Hildebrandt werde die Quarantäne mittlerweile unterschiedlich umgesetzt. Während in Peking 14 Tage Quarantäne in einer zentralen Einrichtung am Stadtrand abgesessen werden, verfolgt Shanghai das Prinzip 7+7. Dort kann man also bereits die Hälfte der Quarantäne in seinem Zuhause verbringen. Voraussetzung dafür ist, dass man in der Stadt seinen gewöhnlichen Aufenthalt hat. Für alle anderen gelten weiterhin 14 Tage Hotel-Quarantäne.

Und die hat es in sich. Nach dem Flug mit der AHK von Frankfurt in Richtung Qingdao, einer ehemaligen Kolonialstadt des Deutschen Reichs, die heute noch bekannt für ihre Biere ist, holten die chinesischen Behörden Roland Tonner und die anderen Passagiere einzeln aus dem Flugzeug. Nach einem Coronatest ging es dann sofort für alle in das Quarantäne-Hotel –zwar mit Meerblick, aber das brachte Tonner wenig, musste er doch die zwei Wochen auf seinem Zimmer bleiben. Dort gab es zwar mehrmals am Tag Mahlzeiten und auch sonst waren laut Tonner die chinesischen Mitarbeiter sehr bemüht, die Wünsche der Quarantäne-Gäste zu erfüllen. Dennoch: „Der Aufenthalt war ein Selbsterfahrungs-Trip, weil es sehr ungewöhnlich ist, zwei Wochen alleine auf einem Zimmer zu sein“, so sein Fazit.

Ähnlich erging es auch Michaela Schadnik-Engel. Sie flog zusammen mit ihren beiden Kindern (11 und 14 Jahre) am 19. August mit einem der Sonderflüge nach Qingdao. Auf die Liste kamen die drei über eine Einladung der deutschen Schule in Shanghai, an der ihr Mann als Lehrer arbeitet. Er blieb während des Lockdowns in China während Schadnik-Engel in Deutschland feststeckte. In dem Quarantäne-Hotel teilte sie sich zusammen mit ihren Kindern ein Hotelzimmer.

So leben die Gäste für zwei Wochen

Die Zeit empfand sie – auch weil durch vorherige Flüge klar war, was auf sie zukommt – als angenehm. „Wir waren sehr gut vorbereitet, wussten wie das Zimmer aussieht, haben uns Filme runtergeladen und natürlich viele Spiele eingepackt“, sagt sie. Dazu hätten die Tage durch fest geplante Mahlzeiten und zweimal tägliches Fiebermessen schnell eine gewisse Struktur bekommen. „Außerdem hatten meine Kinder digitalen Schulunterricht und waren deswegen tagsüber meist beschäftigt“, erzählt Schadnik -Engel. Einzig die schwülen Temperaturen sorgten bei den dreien für einige Hitze-Attacken. Denn die Klimaanlage durften sie wegen einer möglichen Verteilung von Coronaviren nicht anschalten. „Wir haben oft die Hotelzimmertür einen Spalt offengelassen, damit es etwas Durchzug gab. Das wurde von chinesischer Seite toleriert“, so die 52-Jährige. Das Zimmer verlassen haben sie während ihres Aufenthalts aber nicht. Dass die chinesischen Behörden durch Aufpasser die Einhaltung strikt kontrolliert hätten, kann sie nicht bestätigen – Herausfordern wollen hätte sie es aber auch nicht.

„Aus unseren Gesprächen mit den Unternehmen wissen wir, dass dies zunehmend ein Problem für kurzfristige benötigte Fachkräfte darstellt, die mitunter nur ein bis drei Wochen im Land sein sollen“, sagt Hildebrandt. Die Einreise für Geschäftsreisende zum Beispiel für dringend notwendige Geschäftsverhandlungen oder internationale Messebesuche, und auch für kurzfristig benötigte Spezialisten, die Maschinen warten und in Betrieb nehmen, sei weiterhin erschwert.

„Damit entgehen sowohl der chinesischen als auch der deutschen Wirtschaft Millionenbeträge, die zum Beispiel für die Auftragsabwicklung, den Einkauf von Waren oder auch den Aufbau neuer Produktionsstätten geplant sind“, beklagt Hildebrandt, der mit seiner Kammer versucht, so gut es geht zu helfen.

So habe die Kammer in China mit der Organisation von 14 Charterflügen für insgesamt mehr als 2800 Mitglieder der deutschen Business-Community zurück an die Arbeitsplätze gebracht. Dabei handelt es sich vor allem um Personen mit einem langfristigen Aufenthaltsstatus.

Zwar habe es zuletzt mit der Wiederaufnahme der Visa-Vergabe für Reisende mit zuvor gültiger Aufenthaltsgenehmigungen ein wenig Bewegung in der Sache gegeben, dies sei aber alles nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Hildebrandt. Eine Aufstockung der regulären Flugkapazitäten und gleichzeitige substantielle Erleichterungen bei der Visavergabe und Quarantäneregeln seien aus Sicht der deutschen Wirtschaft in China wesentlich, um auch die Im- und Exporte und Investitionen in beiden Ländern zu stimulieren.

Da nur ein Bruchteil der Linienflüge zwischen Europa und China operieren, ist es schwierig, überhaupt einen Flug zu finden. Auch die chinesischen Konsulate in Deutschland arbeiten noch nicht wieder im Normalbetrieb, beklagt die Kammer. Das führt auch zu einem weiteren Problem – abseits der Geschäftsreisetätigkeit: Legalisationen, zum Beispiel zur Gründung von ausländisch-investierten Unternehmen in China oder zur Eröffnung eines Bankkontos, seien mittlerweile zu einem mitunter energieraubenden Langstreckenlauf geworden.

Die Legalisation sei für das Chinageschäft deutscher Unternehmen unerlässlich und sollte auch in Zeiten von COVID-19 reibungslos funktionieren, um den deutsch-chinesischen Wirtschaftsverkehr weiter zu festigen und zu intensivieren, fordert Hildebrandt. Unzufrieden mit den strikten Quarantäne-Regeln ist auch die EU-Handelskammer in Peking. Während Mitarbeiter chinesischer Firmen relativ problemlos in die EU reisen könnten, kämpften europäische Firmen noch immer mit der Visavergabe, heißt es dort. Die Quarantäne-Politik sei damit das jüngste Beispiel für ungleiche Wettbewerbsbedingungen, die zwischen Europa und China herrschten.

Mehr zum Thema: Der Asien-Chefvolkswirt der HSBC, Frederic Neumann, über Chinas Erfolg im Kampf gegen die Coronakrise.

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