Neue Studie: Die Anatomie der Zombies

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Neue Studie Die Anatomie der Zombies

Eine neue Studie zeigt: Zombieunternehmen sind weit verbreitet. Sie tummeln sich in vielen Branchen und Ländern, schädigen die Wirtschaft und gefährden den Wohlstand.

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Halbtote gibt es nicht nur in Horrorfilmen. Auch in der Wirtschaft treiben sie ihr Unwesen: Als substanzarme und gewinnschwache Unternehmen vegetieren sie vor sich hin – und gefährden gesunde Unternehmen, denen sie Ressourcen entziehen. Die in Basel ansässige Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat in einer aktuellen Studie die Anatomie und den Lebenszyklus von Zombieunternehmen genauer unter die Lupe genommen.

Dabei definiert sie Zombies als Unternehmen, deren Gewinn (EBIT) zwei Jahre in Folge zu gering ist, um die Zinskosten auf das Fremdkapital zu finanzieren. Als zweites Kriterium zur Identifikation eines Zombieunternehmens ziehen die BIZ-Ökonomen den Marktwert eines Unternehmens im Verhältnis zu dessen Buchwert (Wiederbeschaffungspreis für alle Vermögenswerte des Unternehmens) heran.

Ist dieses Verhältnis, das nach dem Wirtschaftsnobelpreisträger James Tobin  „Tobin`s q“ genannt wird, kleiner als  der Median der Branche, handelt es sich um ein Zombieunternehmen. Der Untersuchung der BIZ liegen die Daten von 32.000 börsennotierten Unternehmen aus 14 Industrieländern seit Beginn der 1980er Jahre zugrunde.

Das zentrale Ergebnis der Studie: Die Zombies sind weltweit auf dem Vormarsch. Ihr Anteil an allen untersuchten Unternehmen hat sich von vier Prozent in den 1980er Jahren auf 15 Prozent im Jahr 2017 fast vervierfacht. Ursächlich für die zunehmende Zombifizierung der Wirtschaft ist das Zusammenwirken von lockerer Geldpolitik und der Eigenkapitalschwäche der Geschäftsbanken. Um die Erosion ihrer dünnen Kapitaldecke durch die Abschreibung ausfallgefährdeter Kredite zu verhindern, haben die Banken in den vergangenen Jahren Unternehmen, die sich in der Krise befinden, immer wieder neue Kredite gewährt, mit denen diese ihre alten Verbindlichkeiten ablösen konnten.

Refinanziert wurden die Anschlusskredite durch das billige Zentralbankgeld der Notenbanken. Dieser Prozess – Ökonomen sprechen von „Evergreening“ – hat marode Betriebe in großem Stil künstlich am Leben gehalten. Diese Halbtoten sind gewinnschwach und weniger produktiv als gesunde Unternehmen, sie beschäftigen weniger Arbeitskräfte und investieren weniger in Maschinen, Forschung und Entwicklung.

Besonders häufig tummeln sich Zombies unter den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). In diesem Unternehmenssegment entfallen auf Zombies 30 bis 40 Prozent des gesamten Vermögens, Eigenkapitals und der Außenstände. Zum Vergleich: Der Anteil der Zombies am Vermögen, Eigenkapital und Außenständen aller Unternehmen liegt bei 6 bis 7 Prozent. Die meisten Zombies befinden sich in den angelsächsischen Ländern. In Australien und Kanada ist jedes dritte Unternehmen der BIZ-Studie zufolge ein Halbtoter. In den Vereinigten Staaten und Großbritannien liegt ihr Anteil bei 20 Prozent, in Europa bei 10 bis 15 Prozent, in Japan bei 3 Prozent.

Die BIZ-Ökonomen weisen darauf hin, dass viele KMU in Europa und Japan gar nicht an der Börse notiert sind und daher in ihrer Studie nicht berücksichtigt werden konnten. Während in den angelsächsischen Ländern die Hälfte aller KMU an der Börse gelistet sind, sind es in Europa nur 28 Prozent, in Japan nur 15 Prozent. „Der wahre Anteil der Zombies in Europa und Japan dürfte daher höher sein, als es in unseren Berechnungen zum Ausdruck kommt“, schreiben die BIZ-Ökonomen in ihrer Studie.

Nach Branchen betrachtet findet sich der höchste Zombieanteil im Rohstoffsektor, unter den Unternehmen des Bergbaus und der Schürfindustrie. Ebenfalls stark durchseucht ist der pharmazeutisch-medizinische Bereich sowie das Druck- und Verlagsgewerbe. Im Luftfahrtsektor, der Kommunikationsindustrie sowie den industrienahen Unternehmensdienstleistungen finden sich ebenfalls überdurchschnittlich viele Zombies.

Unterdurchschnittlich ist der Zombieanteil hingegen in der Autoindustrie, der Bauwirtschaft und der Container-Schifffahrt. Allerdings könnte sich dieses Bild im Zuge der Corona-Pandemie und der politisch verhängten Lockdown-Maßnahmen mittlerweile verändert haben. Die Daten der BIZ-Ökonomen enden vor Ausbruch der Corona-Pandemie.

Ein Viertel aller halbtoten Unternehmen scheidet im Laufe der Jahre aus dem Markt aus. 60 Prozent erholen sich im Laufe der Zeit und kehren der Welt der Halbtoten den Rücken. So richtig gesund aber werden die Ex-Zombies nicht, wie die Studie der BIZ belegt. Sie hinken den Unternehmen, die nie Zombies waren, langfristig in puncto Produktivität, Investitionen und Beschäftigung hinterher. Die Zahl ihrer Beschäftigten etwa wächst nur halb so stark wie die der Unternehmen, die nie ein Zombie waren.

Die mangelhafte Resilienz ehemaliger Zombies erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie erneut zu Zombies werden. So ist die Rückfallwahrscheinlichkeit ehemaliger Zombies in den vergangenen Jahren gestiegen und liegt aktuell bei 17 Prozent. Vor 15 Jahren lag die Rückfallquote erst bei 5 Prozent. Das spricht dafür, dass die Niedrigzinspolitik und die Rettungsprogramme der Regierungen im Gefolge der Finanzkrise die Unternehmen künstlich am Leben gehalten, aber nicht nachhaltig saniert haben. Vielmehr hat sich ein Heerlager morbider Unternehmen entwickelt, deren schwache Performance die gesamtwirtschaftliche Dynamik belastet.

Das „wachsende Unternehmensprekariat“, schreiben die BIZ-Volkswirte, entzieht gesunden Unternehmen Kapital, Arbeitskräfte und Boden und hemmt so die Entwicklung junger, innovativer Unternehmen. Das drückt die gesamtwirtschaftliche Produktivität und schmälert den Wohlstandszuwachs. Die Zombies, so zeigt die BIZ-Studie, gefährden die Gesundheit der gesamten Volkswirtschaft – so wie die Zombies in den Horrorfilmen das Leben der Menschen gefährden.

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