Brite soll Absturz des S&P 500 verursacht haben: Dieser Mann crashte die Wall Street – und darf trotzdem auf Milde hoffen

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Navinder Singh Sarao (Bild Archiv): Der britische Händler soll zum Absturz des US-Aktienindex S&P 500 beigetragen haben. US-Staatsanwälte empfehlen, den „Flash Crash Trader“ nicht weiter gerichtlich zu belangen.

Navinder Singh Sarao – diesen Mann, der in einem Londoner Arbeiterbezirk zurückgezogen lebte und von seinem Schlafzimmer aus Börsengeschäften nachging, kannte kaum jemand. Mit dem 6. Mai 2010 änderte sich das. Der US-Aktienindex S&P 500 brach binnen Minuten um 600 Punkte oder fast 10 Prozent ein. Mindestens eine Milliarde Dollar Börsenwert waren verbrannt. Sarao soll mit Computer-Programmen den Absturz herbeigeführt haben. Ermittler kamen dem Mann auf die Schliche, verhafteten ihn 2015 in seinem Elternhaus.

Der Fall sorgte seinerzeit auch deshalb für Aufsehen, weil sich Sarao gegen seine Auslieferung in die USA wehrte. Vergeblich. In den USA schloss der Brite mit den Anklagebehörden einen Deal, packte vollumfänglich aus, so dass die Staatsanwaltschaft 20 von 22 Anklagepunkten fallen ließ – schon für jeden einzelnen hätten Sarao bis zu 20 Jahre Haft gedroht. Letztlich wurde der Brite zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt – und hat jetzt gute Chancen dauerhaft frei zu kommen.

Nach Berichten von Bloomberg und „Financial Times“ empfehlen US-Staatsanwälte Sarao wegen seiner „außerordentlichen Kooperationsbereitschaft“ nicht erneut zu inhaftieren. Ein Gericht in Chicago wird darüber am 28. Januar urteilen.

Mit simulierten Aufträgen die Preise in eine Richtung gelenkt

Der heute 41-Jährige darf auf Milde hoffen. Denn seine detaillierten Schilderungen waren für die Behörden mit Blick auf die Bekämpfung künftigen Marktmissbrauchs offensichtlich äußerst wertvoll gewesen. In einem Statement der Staatsanwaltschaft liest sich das so: „Die Zusammenarbeit des Angeklagten erstreckte sich über Jahre […] und war außergewöhnlich zeitnah, vollständig, wahrheitsgemäß und hilfreich für die Regierung.“

Im Zuge seines Deals mit den US-Behörden hatte sich Sarao der Marktmanipulation durch das sogenannte Spoofing für schuldig bekannt. Beim Spoofing geht es darum, Aufträge zu erteilen und dann schnell wieder zu stornieren, um andere Händler über Angebot und Nachfrage zu täuschen und so die Preise in eine bestimmte Richtung zu manipulieren.

Dabei soll der Brite mit Hilfe einer selbst entwickelten Software simulierte Verkaufsaufträge auf Futures ins Handelssystem gestellt haben, um die Preise für diese Papiere zu drücken. Waren sie tief genug gefallen, sammelte Sarao die Papiere günstig ein, um sie dann anschließend deutlich teurer zu verkaufen. Umgerechnet rund 70 Millionen Dollar Gewinn soll der Brite auf diese Weise über Jahre gescheffelt haben.

Am 6. Mai hatte er den Bogen mit Zehntausenden simulierten Verkaufsaufträgen aber ganz offensichtlich überspannt, so dass computergestützte Programme anderer Handelshäuser ihre Futures automatisch im großen Stil abzustoßen versuchten, um eigene Verluste zu begrenzen. Die Future-Preise stürzten rasant ab und mit ihnen dann die Aktien. Der Flash Crash war perfekt.

FBI, US-Justiz und Regulierungsbehörden profitieren von Saraos Wissen

Wie wertvoll und hilfreich die Zusammenarbeit für die US-Regierung war, lässt sich auch daran ablesen, dass Sarao insgesamt wohl nur wenige Monate im Gefängnis absaß und ansonsten viel Zeit mit Aufklärung und Schulung verbrachte.

Als Dauergast bei der Londoner Staatsanwälten weihte er die Juristen auch mit selbstgedrehten Videos in sein betrügerischen Techniken ein. In den USA schulte er Experten der Commodity Futures Trading Commission (CFTC), eine unabhängige Regulierungsbehörde für die Future- und Optionsmärkte, als auch Experten des FBI und Beamte des Justizministeriums in der Welt des Hochfrequenzhandels und half ihnen, Marktbetrüger zu identifizieren.

Neben dieser wertvollen Arbeit machen die US-Behörden entlastend für Sarao geltend, dass er „eindeutig nicht durch Geld, Gier oder den Wunsch nach einem verschwenderischen Lebensstil motiviert“ gewesen sei, wie Bloomberg und FT aus dem Schreiben des Staatsanwaltes zitieren. Sein einziger nennenswerter Kauf sei ein gebrauchter Volkswagen für 5000 britische Pfund gewesen.

Wieder zurück im Kinderschlafzimmer bei den Stofftieren

Und die Millionengewinne? Die soll Sarao nahezu komplett verloren haben – bei mehreren Investitionsprogrammen, als er cleveren Betrügern auf den Leim ging.

Den Berichten zufolge lebt Sarao schon länger wieder im Haus seiner Eltern im Londoner Vorort Hounslow, wo er „in einem kinderähnlichen Schlafzimmer mit mehreren Stofftieren“ schläft und „mit Gutscheinen bei McDonald’s einkauft“. Ärzte hätten bei ihm Autismus diagnostiziert. In psychologischen Fachkreisen gilt dies „sowohl als Behinderung … als auch als Talent“.

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