Mehrfamilienhäuser in Deutschland: Die meisten Mietshäuser brauchen eine energetische Sanierung

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Mehrfamilienhäuser in Deutschland Die meisten Mietshäuser brauchen eine energetische Sanierung

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Das durchschnittliche Mietshaus in Deutschland ist nur teilweise energetisch saniert und wird mit Gas beheizt. Eine Untersuchung von 74.000 Gebäuden zeigt, dass wir noch deutlich umweltfreundlicher wohnen könnten.

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Deutschland ist ein Mieter-Nation. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern lebt mehr als die Hälfte der Haushalte nicht in der eigenen Immobilie, sondern zur Miete. Von den gut 40 Millionen Wohnungen befinden sich knapp die Hälfte in Mehrfamilienhäusern. In der Coronapandemie kommt dieser Tatsache nochmals besondere Bedeutung zu, da durch die Beschränkungen im öffentlichen Leben, Abstandsgebote und das stark vermehrte Arbeiten im Homeoffice das eigene Zuhause noch intensiver genutzt wird. Dabei ist zu beobachten, dass sich die Menschen mit der dauerhaften Nutzung der eigenen vier Wände ihr Zuhause während der Pandemie zunehmend wohnlich und arbeitstauglich einrichten und Bauhandwerk sowie Möbelhandel Rekordumsätze bescheren.

Damit stellt sich auch die Frage, ob die privaten Haushalte hinsichtlich Energieeffizienz die technischen Möglichkeiten voll ausnutzen. Eine Studie des Energiedienstleisters Ista, der sich auf die Erfassung und Abrechnung von Energieverbrauchsdaten für Mehrfamilienhäuser und gewerbliche Immobilien spezialisiert hat, zeichnet nach Auswertung von 74.000 Wohngebäuden durch die TU Dortmund das typisch deutsche Mehrfamilienwohnhaus wie folgt:

Demnach hat das durchschnittliche Mehrfamilienhaus ein Alter von 42 Jahren, verfügt über sieben Wohneinheiten, eine beheizte Wohnfläche von insgesamt mehr als 500 Quadratmetern und nutzt als Heizenergie überwiegend Erdgas. Knapp zwei Drittel der Haushalte heizen mit Gas, 21 Prozent mit Öl und nicht einmal 13 Prozent mit Fernwärme, die offenbar vor allem in großen Wohnhäusern mit durchschnittlich mehr als 1100 Quadratmetern Wohnfläche zum Einsatz kommt. Allen Heizarten gemeinsam ist, dass die verwendete Heizungsanlage im Durchschnitt 23 Jahre alt ist – und damit kaum auf dem Stand energieeffizienter Heiztechnik.

Bleibt es auch nach der Coronapandemie dabei, dass künftig mehr von Zuhause aus gearbeitet wird, gewinnt der energetische Zustand der Wohngebäude weiter an Bedeutung. Seit Jahren beklagen Politik, Wissenschaft und Institutionen den hohen Heizenergiebedarf in Wohngebäuden und die zu geringen Sanierungsquoten. Nach Daten von 2014 entfallen auf den Gebäudesektor bis zu 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs und etwa 30 Prozent der Treibhausgasemissionen. Laut der Deutschen Energieagentur Dena entfällt der weitaus größte Teil des Energiebedarfs im Gebäudesektor auf die Raumheizung, der wiederum weit überwiegend aus fossilen Energieträgern gedeckt wird. Und: Der jüngste „Gebäudereport“ der Dena von 2019 stellt fest, dass der Endenergieverbrauch für Heizung und Warmwasser seit 2015 kontinuierlich gestiegen ist und heute höher liegt als 2015. Zugleich liegt auch die Sanierungsquote mit rund einem Prozent des Gebäudebestandes pro Jahr noch immer deutlich zu niedrig. Für das Erreichen der Klimaziele seien mindestens 1,5 Prozent erforderlich.

Energetische Sanierung birgt erhebliches Einsparpotenzial bei Energieverbrauch und den CO2-Emissionen. Die Ista-Studienautoren haben deshalb den Sanierungsstand der Mehrfamilienhäuser abgefragt. Ergebnis: Zwar sind knapp 48 Prozent der Heizungsanlagen in den Wohngebäuden in den vergangenen 20 Jahren mal getauscht worden – und werden damit häufiger saniert als die oberen Geschossdecken (43 Prozent), Dächer (43 Prozent), Außenwände (36 Prozent), Fenster (43 Prozent) oder Kellerdecken (30 Prozent). Der durchschnittliche Energiekennwert der Mehrfamilienhäuser läge aber hierzulande noch immer bei 118 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr, was im Energieausweis der Energieeffizienzklasse D entspricht – ein schwacher Wert. Eine höhere Sanierungsquote bei den Bestandsgebäuden würde somit wesentlich dazu beitragen, die gesteckten Klimaziele der Regierung zu erreichen und den CO2-Ausstoß zu reduzieren.

Ein Vergleich der Bundesländer in der Ista-Studie zeigt, dass der energetische Zustand der Mehrfamilienhäuser in den neuen Bundesländern besser ist als in den alten Bundesländern. Hier kommt öfter Fernwärme zum Einsatz (in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern mehr als ein Drittel), auch wurde mehr saniert. Mecklenburg-Vorpommern hat laut Studie den niedrigsten Energiekennwert mit 96 kWh/qm pro Jahr. Die Schlussfolgerung der Studienautoren: Die energetische Sanierung von Gebäuden zeigt Wirkung. „Das typische Mehrfamilienhaus kann in Sachen Energieeffizienz eine Renovierung vertragen“, sagt Professor Walter Krämer von der TU Dortmund. „In Westdeutschland noch etwas mehr als im Osten.“

Neben dem Gebäudezustand ist aber das Nutzerverhalten für die Energiebilanz eines Wohngebäudes entscheidend. Die Dena hat in einem Modellprojekt festgestellt, dass sich nur durch eine häufigere Information der Bewohner über ihren aktuellen Energieverbrauch zehn Prozent der Heizenergie einsparen lässt. Die EU hat bereits eine Energieeffizienzrichtlinie erlassen, die bis zum 25. Oktober 2020 in nationales Recht überführt werden muss. Wer dann in seinem Gebäude über fernauslesbare Geräte verfügt, soll ab 2022 ein Anrecht auf monatliche Verbrauchsinformationen erhalten. Bezogen auf das Durchschnitts-Mehrfamilienhaus in der Ista-Studie könnten die jährlichen Heizkosten allein durch diese Maßnahme von 3524 auf 3172 Euro sinken. „Dazu muss die Digitalisierung im Gebäude gestärkt werden“, sagt Ista-Vorstandschef Thomas Zinnöcker, mit Blick auf die Ergebnisse der Studie.

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