Kurzarbeit nach deutschem Vorbild? : Das hätten die Briten auch einfacher haben können

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Kurzarbeit nach deutschem Vorbild? Das hätten die Briten auch einfacher haben können

Die Corona-Maßnahmen in Großbritannien werden wegen rasant zunehmender Neuinfektionen verschärft. Bei den Maßnahmen zum Erhalt von Arbeitsplätzen blickt die britische Regierung auf Deutschland.

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Droht Großbritannien eine zweite Corona-Welle? Da die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in den vergangenen Wochen rapide angestiegen ist, hat die Regierung in London eine Reihe von Maßnahmen erlassen. So soll ein explosiver Anstieg an Infektionen wie im März verhindert werden.

Es gilt bereits seit Mitte des Monats die Regel, dass sich nur noch maximal sechs Personen treffen dürfen (ausgenommen sind etwa Gebetshäuser und Restaurants). Fortan sollen in Geschäften auch Verkäuferinnen und Verkäufer Masken tragen. Bislang galt diese Regel nur für Kunden. Pubs und Restaurants müssen ab Donnerstag um 22 Uhr schließen. Arbeitnehmer sollen nach Möglichkeit wieder von zu Hause aus arbeiten. Verschärfte Strafen und erweiterte Befugnisse für die Polizei sollen dafür sorgen, dass die Regeln befolgt werden. Sollte sich die Lage zuspitzen, könnte die Regierung sogar die Armee einsetzen, um die Polizei zu entlasten. Die Regionalregierungen von Schottland, Wales und Nordirland folgten weitestgehend den Vorgaben aus London.

Großbritannien habe „einen gefährliche Wendepunkt“ erreicht, erklärte Premier Boris Johnson am Dienstag vor dem Parlament in London. Er wies darauf hin, dass die neuen Maßnahmen „auf keinen Fall“ eine Rückkehr zum Lockdown vom März darstellten. Schließlich blieben Unternehmen, Schulen, Hochschulen und Geschäfte weiter geöffnet. Dennoch sollen die Verschärfungen bis zu sechs Monate lang andauern. Kritiker bemängelten, dass die Einschränkungen kaum ausreichten, um eine weitere Ausbreitung des Krankheit effektiv einzudämmen.

John Edmunds, Epidemiologe an der London School of Hygiene and Tropical Medicine und wissenschaftlicher Berater der Regierung, erklärte, die Maßnahmen der Regierung gingen nicht weit genug. Die vorgezogenen Schließzeiten für Restaurants und Pubs etwa hätten allenfalls „eine sehr geringe Auswirkung auf die Epidemie“. Im Hinblick auf die umstrittene Reaktion der Regierung auf die Corona-Pandemie im Frühjahr sagte Edmunds: „Ich vermute, dass es irgendwann in ganz Großbritannien sehr strenge Maßnahmen geben wird. Aber es wird wieder zu spät sein.“

Im März plante die Regierung offenbar zunächst, die Bevölkerung schrittweise mit dem Virus zu infizieren, um eine Herdenimmunität herzustellen (was London heute bestreitet). Erst, als Rechenmodelle zeigten, dass diese Strategie hunderttausende Todesopfer zur Folge haben könnte, schwenke die Regierung um und verhängte einen Lockdown. Offenbar zu spät: Jüngsten Zahlen der Statistikbehörde ONS zufolge sind in Großbritannien mehr als 57.000 Menschen im Zusammenhang mit dem Virus gestorben. Großbritanniens Wirtschaft knickte infolge der verschleppten Antwort der Regierung auf die Pandemie so stark ein wie in keiner anderen vergleichbaren Industrienation.

Kurzarbeit nach deutschem Vorbild

Um der angeschlagenen Wirtschaft und den von Arbeitslosigkeit bedrohten Angestellten zu helfen, erließ die Regierung schon früh Maßnahmen, die in Großbritannien beispiellos waren: Neben Finanzspritzen für Unternehmen begann London auch, einen Großteil der Löhne und Gehälter von Angestellten zu bezahlen, die wegen des Lockdowns nicht arbeiten konnten. Insider berichten, dass sich London schon damals am deutschen Kurzarbeitssystem orientiert habe.

Nun erwägt die Regierung Berichten zufolge, das bisherige System – das Ende Oktober auslaufen soll – durch ein tatsächliches Kurzarbeitsprogramm nach deutschem Vorbild zu ersetzen.

Die Ironie daran: Brexit-Britannien folgt damit einem Programm der EU. Denn Brüssel hat vor einigen Monaten ein milliardenschweres Kurzarbeitsprogramm mit dem Namen SURE erlassen, das besonders schwer getroffenen EU-Staaten dabei helfen soll, Arbeitsplätze zu sichern.

Diese Maßnahmen werden in Großbritannien allgemein willkommen geheißen. Das bisherige Programm habe „Tausende und Abertausende von Arbeitsplätzen gerettet“, sagte Carolyn Fairbairn, Chefin des Industrieverbandes Confederation of British Industry (CBI). Ein weiterführendes Programm sei angesichts der bevorstehenden Einschränkungen „dringender als je zuvor“. Auch der Chef der Federation of Small Businesses, Mike Cherry, sprach sich für weitere Unterstützungsmaßnahmen aus. Hinter den Maßnahmen der Regierung steht offenbar auch die Zentralbank: Bank of England-Chef Andrew Bailey erklärte, er werde alles in seiner Macht stehende tun, „um die Menschen und Unternehmen in diesem Land zu unterstützen“.

Ob es helfen wird, Johnsons ramponiertes Ansehen zu reparieren, ist jedoch fraglich. Sowohl er als auch seine Regierung stürzen derzeit in Umfragen immer weiter ab. Das erhöht die Aussichten, dass Johnson in den kommenden Monaten in einer (bei den Tories nicht unüblichen) parteiinternen Revolte gestürzt werden könnte. Für Johnson besonders brisant: In einer kürzlich veröffentlichten Umfrage bezeichneten nur noch 37 Prozent der Befragten Johnsons als „fähigen Anführer“. Über Labour-Chef Keir Starmer sagten das 44 Prozent.

Schaut man sich die Entwicklungen der vergangenen Monate an, dann wird diese Einschätzung nachvollziehbar. So haben es viele Briten Johnson bis heute nicht verziehen, dass er seinen Chef-Berater Dominic Cummings unterstützt und in seinem Posten belassen hat, nachdem der grob gegen die Lockdown-Auflagen verstoßen und die Öffentlichkeit darüber belogen hat.

In den vergangenen Monaten stolperte die Regierung von einem Fiasko zum nächsten. Aus gutem Grund: Johnson hat nach seiner Ernennung zum Premier Mitte des vergangenen Jahres sämtliche Ministerposten mit Brexit-Hardlinern und Vertrauten besetzt. Mehrere als kompetent geltende Minister, die Johnsons Kandidatur nicht unterstützt hatten, mussten ihre Posten räumen.

Kritiker sehen darin einen der Hauptgründe für das anhaltende Chaos in Sachen Corona. So ächzt das britische Corona-Test- und Nachverfolgung-System, das lange nicht richtig in die Gänge kam, derzeit unter dem erneuten Ansturm. Landesweit kommt es zu Verzögerungen. Viele Briten berichten, dass ihnen Corona-Tests in Testzentren angeboten wurden, die mehrere Stunden entfernt lagen.

Auch in ihren generelle Anweisungen widersprach sich die Regierung häufig. So hat London im August Restaurantbesuche subventioniert, was einen immensen Ansturm auf die Gastronomie zur Folge hatte. Zuvor hat London die vorherige Zwei-Meter-Abstandsregel abgeschafft und die Menschen angewiesen, einen Abstand von „einem Meter oder mehr“ zueinander zu halten. Seit Juli drängte die Regierung darauf, dass Arbeitnehmer wie gewohnt zur Arbeit gehen sollten. Nun sollen die Leute wieder von zu Hause aus arbeiten. Treffen sollen auf maximal sechs Personen begrenzt sein, aber Pubs, Kinos und Restaurants bleiben weiter geöffnet.

Mit einer kürzlich erlassenen Ausnahme sorgte die Regierung für besonders viel Aufsehen: So wurden, offenbar in letzter Minute, Jagden von der Sechs-Personen-Regel ausgenommen. Derzeit dürfen sich bis zu 30 Personen treffen, um gemeinsam zu jagen. Viele Leute reagieren im klassenbewussten Großbritannien besonders empfindlich auf Anzeichen von Snobismus oder Privilegien. Daher brachte die Sonderregel Johnson erwartungsgemäß reichlich Spott ein.

Mehr zum Thema: Britische Aktien werden durch den Brexit schwer getroffen. Dennoch gibt es Klassiker, die gute Aussichten und ansehnliche Dividenden bieten. Und wer richtig spekulieren will, findet auch eine Gelegenheit zum Zocken.

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