Konsum in Corona-Zeiten: Der Cocooning-Trend füllt Möbelhändlern die Taschen

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Konsum in Corona-Zeiten Der Cocooning-Trend füllt Möbelhändlern die Taschen

Bettenburg mal anders: Weil große Urlaubsreisen ausfallen, möbeln viele Verbraucher die eigenen vier Wände auf. Baumärkte, Möbelhändler und Küchenhersteller profitieren vom Cocooning-Trend.

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Es war eine Premiere für den schwedischen Möbelprimus: Anfang September eröffnete Ikea die kleinste Filiale Deutschlands, ein Planungsstudio in Berlin Pankow. Hier können Kunden nun ihre Küchen planen, oder sich beim Einbau von Schlafzimmerschränken beraten lassen. Zum Vergleich: Klassische Einrichtungshäuser von Ikea sind oft mehr als 30.000 Quadratmeter groß. Der Laden in Pankow hat dagegen nur 450 Quadratmeter Grundfläche. Mehrere solcher Kleinflächen-Standorte sollen nun folgen, lässt Ikea wissen. Und nicht nur die Schweden wollen expandieren.

Auch andere Möbelhändler bauen ihr Filialnetz trotz Corona systematisch aus und erhöhen ihr Wachstumstempo. Denn obgleich Möbelgeschäfte in der Lockdown-Phase wochenlang geschlossen blieben und die Umsätze in den Läden einbrachen, konnten Teile der Branche die Ausfälle inzwischen kompensieren. Langfristig könnte die Pandemie sogar für zusätzliches Geschäft sorgen.

Bestes Beispiel: das zum Jysk-Konzern gehörende Dänische Bettenlager. „Nach den Schließungen im Frühjahr haben wir im Mai und Juni einen deutlichen Nachholeffekt gespürt“, sagt Deutschlandchef Christian Schirmer. Die Konsequenz: „Wir wollen unser Filialnetz in Deutschland weiter ausbauen“, kündigt Schirmer an. Rund 20 Standorte könnten jedes Jahr neu hinzukommen, mittelfristig gebe es Potential für 1150 Filialen. Zugleich sollen die bestehenden 970 Filialen modernisiert werden. „Die Verkaufsflächen sollen dort möglichst von 800 auf 950 Quadratmeter steigen, um unseren Kunden mehr Produkte zeigen zu können“, so Schirmer. Denn „am Ende kaufen die Kunden weiterhin vor allem Möbel, die sie auch live sehen.“

Dass Möbelhändler derzeit weniger stark als andere Handelssegmente leiden, liegt indes auch an veränderten Konsumgewohnheiten in der Krise. Das Thema ‚Cocooning‘ mache sich bemerkbar, sagt Schirmer. „Viele unserer Kunden machen es sich jetzt zu Hause schön“, dazu gehöre „auch der Kauf von Gartenmöbeln oder einer neuen Matratze.“

Eine Studie der Unternehmensberatung Accenture kommt zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Demnach würden das anhaltende Unbehagen gegenüber öffentlichen Räumen und Reisen sowie finanzielle Ängste dazu führen, dass viele Menschen weiterhin überwiegend zu Hause zu bleiben. Covid-19 läute demnach ein „Jahrzehnt des Zuhauses“ ein. Und dort, bestätigt Hornbach-Chef Erich Harsch, wollen es sich viele Menschen „vor allem in Krisenphasen schön machen“. Sie hätten durch Homeoffice und Kurzarbeit mehr Zeit zu Hause verbracht und diese auch dazu genutzt, um Reparaturen oder Heimwerkerprojekte in Wohnung und Garten anzugehen, wovon in den vergangenen Monaten die Baumarktkette stark profitiert habe.

Zudem wurden Haushaltsbudgets umgeschichtet. Weil viele Urlaubsreisen ausfielen, wurde das gesparte Geld teils in heimische Bettenburgen und Sofalandschaften investiert. Auch die Mehrwertsteuersenkung und das „Corona-Kindergeld“ dürften vereinzelt den Kauf von Möbeln und Co. ankurbeln. Vor allem aber hat die Krise bislang nur überschaubare Spuren auf dem Arbeitsmarkt hinterlassen, weshalb die Ausgabebereitschaft vieler Konsumenten kaum gelitten hat. Solange das so bleibt, werden Möbel- und Einrichtungshändler, Küchenhersteller und Baumärkte wohl weiter zu den robusteren Unternehmen im Einzelhandel gehören.

Anders sieht es im Möbel-Großhandel aus, wo sich Firmen angesichts der unsicheren Konjunkturlage mit Bestellungen zurückhalten dürften. Hinzu kommt: „Möbel im Geschäftskundenumfeld werden in Deutschland noch hauptsächlich über stationäre Flächen verkauft“, sagt Pierre Haarfeld, der mit Nuucon, einer Einrichtungsplattform für Interior-Design-Projekte, angetreten ist, genau das zu ändern. „Mit der temporären Flächenschließung sind den Fachhändlern alle Umsätze verloren gegangen“, so Haarfeld. Geschäftskunden suchten im Lockdown zwar neue Einkaufswege, hätten aber nur ein überschaubares Angebot gefunden.

Tatsächlich könnte das B2B-Geschäft unter dem Cocooning-Trend sogar leiden. Wer die meiste Zeit zu Hause verbringt, braucht schließlich kein durchgestyltes Büro.

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