Börsenprofi Carsten Klude erklärt: Konjunktur in Deutschland erholt sich – der Statistik sei Dank!

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Die deutsche Wirtschaft ist in diesem Jahr nur knapp an einer Rezession vorbei geschrammt. Mit einer Wachstumsrate von voraussichtlich 0,5 Prozent ist die Konjunkturdynamik so schwach wie zuletzt 2012 und 2013. Nahezu alle wichtigen volkswirtschaftlichen Kennzahlen haben sich schlechter entwickelt als gedacht. Diese enttäuschende Entwicklung ist vor allem auf die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von der Industrie und den Exporten zurückzuführen. Das bedeutet aber auch, dass zunächst mit keiner schnelleren Besserung der ökonomischen Lage zu rechnen ist.

Carsten Klude



  • Carsten Klude ist Chefvolkswirt der Privatbank M. M. Warburg in Hamburg.

Solange sich die Deglobalisierungstendenz der Weltwirtschaft fortsetzt, wird die deutsche Wirtschaft hierunter leiden. Zu exponiert ist unsere Stellung im internationalen Güterhandel. Hinzu kommen die negativen Wachstumseffekte der strukturellen Veränderungen in der Automobilindustrie mit ihren direkten Auswirkungen auf andere deutsche Vorzeigeindustrien wie den Maschinenbau und die Chemieindustrie.

Deutschland hat die Auswirkungen des Handelsstreits zwischen den USA und China mehr als deutlich zu spüren bekommen. Zwar hat es mit dem „Phase-1-Deal“ eine Annährung in den Positionen beider Länder gegeben (vor allem weil es für Donald Trump unter wahlkampftaktischen Aspekten opportun ist), doch gehen wir nicht davon aus, dass damit dauerhaft die Probleme gelöst sind. Die jüngste Stabilisierung bei den Frühindikatoren deutet aber darauf hin, dass die konjunkturelle Dynamik in den nächsten Quartalen etwas zunehmen wird.

Wir gehen davon aus, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt 2020 saison- und kalenderbereinigt (das ist die international übliche statistische Abgrenzung) um 0,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr ansteigen wird, womit die Wachstumsdynamik nur etwas besser ausfallen dürfte wie 2019. Allerdings wird das „offizielle“ deutsche Wachstum optisch mit 1,1 Prozent deutlich höher ausfallen, weil es im nächsten Jahr je nach Bundesland zwischen drei und fünf Arbeitstage mehr gibt.

Dieser statistische Effekt überzeichnet jedoch die tatsächliche Konjunkturdynamik. Dies gilt vor allem für die Exporte und Ausrüstungsinvestitionen, denn dort sorgt allein der Kalendereffekt für ein zusätzliches Wachstum von 0,8 bzw. 1,1 Prozentpunkten, die auf unsere kalenderbereinigten Prognosen noch aufgeschlagen werden müssen. Beim privaten Verbrauch fällt dieser Effekt mit 0,2 Prozentpunkten an zusätzlichem Wachstum dagegen geringer aus.

Drei bis fünf Arbeitstage mehr im Jahr 2020

Wenig Wachstumsimpulse erwarten wir 2020 erneut von den Unternehmen. Weder die Ausfuhren, noch die Ausrüstungsinvestitionen dürften 2020 nennenswert gegenüber dem Vorjahr ausgeweitet werden. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Deutschlands Unternehmen unter einem Schwund an Aufträgen leiden. So liegen die für die Exporteure relevanten Bestellungen aus dem Ausland in diesem Jahr um gut fünf Prozent unter dem Niveau des Vorjahrs. Sowohl die Auftragseingänge aus der Eurozone als auch die aus dem Nicht-Eurogebiet haben sich verringert.

Die Exporterwartungen verzeichneten jüngst zwar eine kleine Verbesserung, ob und wie nachhaltig diese Entwicklung ist, bleibt aber abzuwarten. Da viele Unternehmen über hohe Auftragsbestände verfügten, sind die Exporte in diesem Jahr weniger stark zurückgegangen als es die Aufträge signalisiert haben: Für das Gesamtjahr wird es daher noch für ein kleines Plus von 1,2 Prozent reichen.

Deutschlands Sandwich-Position zwischen USA und China

Deutschland leidet besonders unter seiner „Sandwich-Position“ im internationalen Handel: So sind die USA mit einem Anteil von neun Prozent der größte Absatzmarkt im Außenhandel, während China unser wichtigster Handelspartner ist (unter Berücksichtigung der deutschen Im- und Exporte). Dies ist vermutlich der Grund dafür, dass Deutschland und die EU bisher keine klare Position im US-chinesischen Handelsstreit bezogen haben, denn man kann es sich nicht leisten, eines der beiden Länder zu verstimmen. Mittelfristig besteht aber die Gefahr, dass man es sich auf diese Weise mit beiden Handelspartnern gleichzeitig verdirbt.

Im Moment deutet nichts darauf hin, dass sich an dieser prekären Situation für Deutschland schnell etwas ändern wird. Für den Fall, dass sich der Streit zwischen den USA und China zumindest nicht weiter verschärft, könnte es im Verlauf des nächsten Jahres jedoch zu einer leichten Besserung bei den Rahmenbedingungen für die Exporteure kommen, da die Nachfrage aus den Schwellenländern zunehmen sollte. Für 2020 erwarten wir jedoch nur einen leichten Anstieg der Ausfuhren von erneut 1,2 Prozent. Da die Einfuhren mit 0,7 Prozent weniger stark wachsen, geht vom Außenhandel somit im Unterschied zu diesem Jahr ein positiver Beitrag für das deutsche Wachstum aus.

Deutsche Unternehmen investieren weniger

Die politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten haben in diesem Jahr dazu geführt, dass deutsche Firmen nur wenig investiert haben. Die Ausrüstungsinvestitionen werden ein leichtes Plus von rund einem Prozent aufweisen. Zumindest zu Beginn des neuen Jahres dürfte die Investitionsbereitschaft noch gering bleiben. Dies signalisieren zum einen die inländischen Auftragseingänge für Investitionsgüterhersteller, die in diesem Jahr rund drei Prozent unter dem Vorjahreswert liegen. Zum anderen sind die vom Ifo-Institut ermittelten Geschäftserwartungen im deutschen Maschinenbau in den vergangenen Monaten gesunken. Von daher prognostizieren wir auch für 2020 bei den Ausrüstungsinvestitionen nur ein kleines Plus von rund einem Prozent.

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Der private Verbrauch hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Säule des deutschen Wirtschaftswachstums gemausert. Auch in diesem Jahr werden die Konsumausgaben gegenüber 2018 um 1,5 Prozent zulegen. Für die traditionell eher zurückhaltenden deutschen Verbraucher wachsen die Bäume zwar nicht in den Himmel, der stabile Arbeitsmarkt und hohe Lohn- und Rentenzuwächse sorgen aber für eine ordentliche Kaufbereitschaft der privaten Haushalte. Hinzu kommt die gesunkene Inflation, die dafür sorgt, dass sich die Kaufkraft positiv entwickelt und die Menschen mehr Geld in ihren Portemonnaies haben als vor einigen Jahren.

Leichter Anstieg der Arbeitslosigkeit

Da die Deutschen aber auch ein Volk der Sparer sind – trotz oder vielleicht wegen der niedrigen Zinsen ist die Sparquote mit fast elf Prozent auf einem sehr hohen Niveau – werden die potenziellen Konsummöglichkeiten nicht voll ausgeschöpft. 2020 werden die privaten Konsumausgaben von daher erneut um 1,5 Prozent ansteigen.

2020 rechnen wir mit einem leichten Anstieg der Arbeitslosigkeit. Vor allem in der Automobil- und Zulieferindustrie fallen viele Stellen weg. Die Unternehmen versuchen aber zunächst, mit flexiblen Maßnahmen, wie Überstundenabbau, Kurzarbeit und einer Verringerung der Arbeitszeiten, einen größeren Stellenabbau zu vermeiden. In Zeiten des Facharbeitermangels hält man so lange wie möglich an seinem Personalbestand fest, um nicht bei einem Wiederanziehen der Konjunktur auf einmal zu wenig qualifizierte Arbeitskräfte an Bord zu haben. Insofern wird die Arbeitslosenquote nur leicht von 5,0 Prozent in diesem auf 5,2 Prozent im nächsten Jahr ansteigen. Allerdings dürften die „fetten Jahre“ der hohen Lohnsteigerungen erst einmal vorbei sein. 2020 dürfte der Zuwachs im Durchschnitt bestenfalls bei zwei Prozent liegen.

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