Kompletter Insolvenzplan liegt vor: So will sich Galeria Karstadt Kaufhof aus der Krise retten

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Kompletter Insolvenzplan liegt vor So will sich Galeria Karstadt Kaufhof aus der Krise retten

Am kommenden Dienstag stimmen die Gläubiger von Galeria Karstadt Kaufhof über den Insolvenzplan ab – und entscheiden damit über das Schicksal der Handelskette. Die wichtigsten Antworten zur Zukunft der Warenhäuser.

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Seit Anfang April wird saniert und verhandelt, werden Kosten gesenkt und Schließungslisten abgearbeitet – nun schlägt die Stunde der Wahrheit für Galeria Karstadt Kaufhof (GKK). Am kommenden Dienstag stimmen die Gläubiger des Unternehmens in Essen über den Insolvenzplan ab – und entscheiden damit über das Schicksal der Warenhauskette. Bisher waren nur Auszüge des Plans bekannt. Der WirtschaftsWoche liegt nun die vollständige Version vor. 87 Seiten, die zeigen, wie sich der Konzern einen Weg aus der Krise bahnen will – und die wichtigsten Fragen zur Lage bei Karstadt und Kaufhof beantworten.

Ist Corona wirklich schuld an der Schutzschirm-Insolvenz von Galeria Karstadt Kaufhof (GKK)?
GKK musste schon vor der Pandemie kämpfen, war laut Insolvenzplan aber „durchfinanziert und wies eine solide Liquidität auf“. Corona habe das binnen weniger Wochen komplett geändert. So sei ein Rückgang der Kunden- und Touristenzahlen schon vor den behördlichen Schließungen spürbar gewesen. „In der letzten Februarwoche betrug der Umsatzrückgang bereits minus 18 Prozent und stieg innerhalb der folgenden zwei Wochen auf minus 30 Prozent in der elften KW an“, heißt es im Insolvenzplan. Ab dem 17. März mussten die Häuser dann schrittweise schließen. Zwischen Januar und März sei es so insgesamt zu Umsatzeinbußen von 236 Millionen Euro (-26,9 prozent) gekommen, die zu Verlusten in Höhe von 177 Millionen Euro geführt hätten. Seit Juni sind alle Filialen wieder ohne Beschränkungen geöffnet, gleichwohl liege die Kundenfrequenz weiter „erheblich unter den Vorjahreswerten“.  Für das Gesamtjahr rechnet das Unternehmen mit einem Umsatzverlust von einer Milliarde Euro durch Corona.

Hätte die Insolvenz verhindert werden können?
In der Schließungszeit betrug der Liquiditätsbedarf zur Deckung der Fixkosten pro Woche rund 80 Millionen Euro. Nachdem im März Verhandlungen über eine Bundesbürgschaft für einen Kredit in Höhe von 775 Millionen Euro an den Banken scheiterten, blieb der Geschäftsführung im Grunde nur die Wahl der Verfahrensvariante für die Insolvenz. Durch das Schutzschirmverfahren soll das Unternehmen neu aufgestellt werden.

Was trägt Karstadt-Kaufhof-Eigentümer René Benko zur Rettung bei?
Seine Signa-Gruppe hatte dem Unternehmen bereits kurz vor dem Schutzschirmantrag Anfang April 162 Millionen Euro überwiesen, damit der Geschäftsbetrieb weitergehen konnte. Zusätzlich ist ein „Sanierungsbeitrag“ von bis zu 325 Millionen Euro vorgesehen, 125 Millionen Euro davon als Massedarlehen. Unabhängig davon sollen 41,3 Millionen Euro aus Zahlungsversprechen und „Verlustausgleichsverpflichtungen“ der Vergangenheit von Signa-Ablegern gezahlt werden.

Wie viele Arbeitsplätze bleiben erhalten?
Unmittelbar vor dem Insolvenzantrag hat GKK 22.265 Mitarbeiter beschäftigt, 10.084 Arbeitnehmer in Vollzeit und 12.181 in Teilzeit. Der Geschäftsbetrieb soll laut Insolvenzplan nun langfristig mit rund 16.350 Arbeitsplätzen fortgeführt werden.

In welchen Bereichen werden Arbeitsplätze gestrichen?
Vor allem die Stellen in den Schließungsfilialen fallen weg, aber auch in der Zentrale und der Logistik werden Jobs gestrichen. So wird die Bewirtschaftung des Bereichs Sport an die Signa-Tochter Sportscheck übertragen. 25 Reisebüros werden geschlossen. Und die Logistik soll ab September 2021 an den Standorten Essen-Vogelheim und Unna gebündelt werden.

Wie werden die Stellenstreichungen abgefedert?
Betroffene Mitarbeiter sollen in eine Transfergesellschaft wechseln können. Alternativ erhalten sie maximal das 1,5-fache ihres Bruttomonatsgehalts als Abfindung.

Was kommt auf die Mitarbeiter zu, die weiterbeschäftigt bleiben?
Zum einen erwartet sie tendenziell in Zukunft wohl noch mehr Arbeit, da die Gesamtzahl der Beschäftigten sinkt. Zum anderen wurde zum Ende 2019 ausgehandelten Tarif, der ohnehin schon unter dem Flächentarif im Einzelhandel lag, ein Nachtrag vereinbart. Eine ursprünglich vorgesehene Entgeltsteigerung für das Jahr 2021 entfällt, dafür sollen Mitarbeiter offenbar eine Arbeitszeitgutschrift erhalten. Unter den Betriebsräten und Mitarbeitern hält sich die Begeisterung über das Verhandlungsergebnis von Gesamtbetriebsratschef Jürgen Ettl und den Verdi-Vertretern dennoch in Grenzen. Wohl auch um interne Kritiker zu besänftigen, hat Verdi daher eine Sonderklausel ausgehandelt: der Warengutschein für GKK-Beschäftigte soll für Verdi-Mitglieder im kommenden Jahr auf einmalig 500 Euro erhöht werden.

Wer sind neben den Mitarbeitern die wichtigsten Gläubiger?
Die höchste Einzelforderung dürfte auf den Pensions-Sicherungs-Verein (PSV) entfallen. Aber auch die Bundesagentur für Arbeit zählt durch die Insolvenzgeldzahlungen sicherlich zu den Großgläubigern, ebenso wie der Warenkreditversicherer Zurich sowie der Zahlungsregulierer Euro Delkredere, bei denen Lieferantenforderungen gebündelt sind. Zu den wichtigsten Gläubigern zählen aber auch die Vermieter von Karstadt und Kaufhof, deren Mietverträge gekündigt oder angepasst wurden.

Wie haben die Lieferanten auf die Schutzschirm-Insolvenz reagiert?
Trotz absehbarer Zahlungsausfälle „konnten die Lieferbeziehungen weitestgehend aufrecht erhalten oder erfolgreich substituiert werden“, um die Warenversorgung zu sichern, heißt es im Insolvenzplan. Rund 75 Prozent der Lieferanten seien über Verträge mit dem Zahlungsregulierer Euro Delkredere und dessen Warenkreditversicherer abgesichert. Die anderen Lieferanten verfügten zumindest teilweise über Eigentumsvorbehaltsrechte.

Mittelfristig sollen die Einkäufer von GKK die Umstellung auf „alternative Bewirtschaftungsformen“, etwa Konzessionsmodelle, mit den Lieferanten forcieren sowie längere Zahlungsziele vereinbaren. Auch die Eigenmarken sollen weiter gestärkt werden.

Welche Folgen hat das Insolvenzverfahren für die Vermieter?
Zu den großen Vermietern von Kaufhof und Karstadt zählen laut Insolvenzplan die österreichische Signa-Gruppe, das Immobilienkonsortium Highstreet, der Shoppingcenterbetreiber ECE, die börsennotierte Demire AG, RFR, DC Values, Redevco, Union Investment sowie die Aachener Grundvermögen, ein Immobilienunternehmen der katholischen Kirche. Fast alle Vermieter sehen sich mit Mietreduktionen oder sogar Standortschließungen konfrontiert, dem Vernehmen nach gilt das auch für Signa. Insgesamt sollen bundesweit jedoch weniger als 50 der 171 Standorte geschlossen werden und damit deutlich weniger als ursprünglich befürchtet. Im Interview mit der WirtschaftsWoche hatte Sachwalter Frank Kebekus ursprünglich von 80 Häusern gesprochen, die „im Feuer“ stünden, aber auch darauf hingewiesen, dass dies „nicht die endgültige Zahl“ sei. In der Folge war zunächst eine Schließungsliste mit 62 Filialen bekannt geworden. Durch Nachverhandlungen und Zugeständnisse konnte die Zahl weiter reduziert werden.

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