Neues Tool der Goldlobby: So können Sie selbst den Goldpreis vorhersagen – beinahe

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Leonhard Foeger/ REUTERS


Goldbarren – was sind sie wert? Mit dem Online-Tool „Qaurum“ sollen Anleger der Antwort näher kommen.

Die zukünftige Entwicklung des Goldpreises berechnen, daheim, am eigenen Computer – wie traumhaft wäre das denn? Und wie lukrativ? Der World Gold Council (WGC), eine Lobby-Organisation der globalen Goldindustrie, hat jetzt ein Tool ins Internet gestellt, das auf den ersten Blick den Eindruck erweckt, als solle tatsächlich die Kalkulation der Goldpreisentwicklung in den kommenden Jahren mit ihm möglich sein. Doch der Anschein trügt selbstverständlich – dass eine solch präzise Vorhersage nicht möglich ist, gestehen selbst die Lobbyisten vom WGC ein.

Das Tool namens „Qaurum“ soll Investoren vielmehr helfen zu verstehen, welche Einflussgrößen nach Ansicht der WGC-Fachleute in welcher Weise auf den Goldpreis wirken – und wie der Preis des Edelmetalls reagieren könnte, wenn verschiedene makroökonomische und geopolitische Entwicklungen unterstellt werden. Analysten bei Banken und Investmenthäusern, die sich ebenfalls mit dem Goldmarkt beschäftigen, nutzen für ihre Prognosen ähnliche Ansätze.

„Weil Gold eine einmalige Eigenschaft als Konsumgut und Anlageklasse hat, halten viele seine Performance für unberechenbar“, so Juan Carlos Artigas, Chef-Researcher des WGC. „Qaurum sagt den Goldpreis nicht voraus. Es hilft Investoren vielmehr, die Einflussgrößen auf den Goldpreis zu verstehen sowie die Zusammenhänge zwischen Angebot, Nachfrage und finanzwirtschaftlichen, ökonomischen und geopolitischen Ereignissen.“

Auf „Qaurum“ können Nutzer die künftige Entwicklung einer Vielzahl von Parametern in den Bereichen „Makroökonomisches Umfeld“ und „Entwicklung von Goldangebot und -nachfrage“ gemäß ihren individuellen Erwartungen eingeben. Dazu zählen beispielsweise das Wachstum der Weltwirtschaft sowie die Entwicklung von Welthandel und Zinsen. „Qaurum“ kalkuliert anhand der Eingaben, welchen Weg der Goldpreis in einem solchen Umfeld künftig einschlagen könnte, wobei laut WGC eine Bewertungsmethode namens „Gold Valuation Framework“ zum Einsatz kommt. Dabei handelt es sich nach Angaben der Goldorganisation um einen „akademisch bewährten“ Ansatz, der davon ausgeht, dass der Goldpreis in erster Linie durch das Zusammenspiel aus Angebot und Nachfrage bewegt wird.

Zudem gibt „Qaurum“ bereits diverse Standardszenarien für die künftige Entwicklung der Weltwirtschaft vor, geliefert vom Wirtschaftsinstitut Oxford Economics – bis hin zur erwarteten Goldpreisentwicklung aufgrund dieser Szenarien.

Das Ergebnis: wirkt ziemlich optimistisch, was angesichts des Anbieters WGC wohl auch kaum verwundern kann. „Qaurum“ erwartet in den meisten Fällen einen Anstieg des Goldpreises im laufenden Jahr um weitere 15 bis 20 Prozent. Lediglich wenn es in den USA zu einer heftigen Wirtschaftsschwäche kommen sollte, so das Tool, könnte der Anstieg des Goldpreises deutlich geringer ausfallen.

Auf lange Sicht jedenfalls macht „Qaurum“ Goldfans viel Hoffnung: Jedes der vorgegebenen Standardszenarien ergibt eine langfristige Gold-Rendite von durchschnittlich jeweils 4,6 Prozent pro Jahr.

„Qaurum“ steht damit in einer Reihe mit den meisten Banken und Investmenthäusern, die ebenfalls – wohl nicht ohne Eigeninteresse – notorisch optimistisch auf den Goldmarkt zu blicken scheinen. Gerade am heutigen Donnerstag berichtet die „Financial Times“ über den weltgrößten Hedgefonds Bridgewater, der einen Goldpreisanstieg auf bis zu 2000 Dollar je Unze erwarte. Auch die Fachleute von Bridgewater nennen in der Zeitung umfangreiche Argumente für ihre Erwartung. Inwieweit Bridgewater entsprechend eigene Gold-Positionen aufgebaut hat, ist der „FT“ allerdings nicht zu entnehmen.

Abgesehen von einem möglichen Berufsoptimismus des WGC, der den Prognosen von „Qaurum“ anhaften könnte, lassen sich zudem weitere Mängel des Tools erkennen. So berechnet der Kalkulator die Goldpreisentwicklung stark aufgrund von Erfahrungen aus der Vergangenheit. Dass man historische Daten nicht eins zu eins in die Zukunft fortschreiben sollte, gilt jedoch nicht nur am Finanzmarkt eigentlich als unstrittig.

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Hinzu kommt: Die Auswahl der möglichen Einflussfaktoren auf den Goldpreis kann niemals vollständig sein, dafür ist die Finanzwelt – auch der Goldmarkt – zu vielfältig und komplex. Im Falle „Qaurums“ beispielsweise spielt die Entwicklung des US-Dollars offenbar keine Rolle. Dabei gibt es nicht wenige Beobachter des Marktes, die den US-Dollar für eine der wichtigsten Einflussgrößen auf den Goldpreis halten. „Qaurum“-Nutzer sollten sich dieser Schwächen des Tools unbedingt bewusst sein, wenn sie versuchen, die künftige Entwicklung des Goldpreises zu berechnen.

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