Gipfeltreffen von Dax und Spitzenpolitik: Warum der Tag der Industrie besonders spannend werden dürfte

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Gipfeltreffen von Dax und Spitzenpolitik Warum der Tag der Industrie besonders spannend werden dürfte

Angela Merkel geht, Annalena Baerbock kommt – und Markus Söder übrigens auch. Ein Abschied, gepaart mit mehrfachem Warm- und Schaulaufen: Der Tag der Industrie könnte nicht nur aufgrund der Pandemie interessant werden.

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Get-together der deutschen Industrieelite, Gipfeltreffen von Dax und Spitzenpolitik, Mekka der Manager: Der Tag der Industrie hat schon viele Beschreibungen und Bezeichnungen über sich ergehen lassen müssen. In den besten, den spannendsten Momenten waren sie sogar treffend.

Einmal im Jahr also fühlen sich Wirtschaftsbosse und Bundesregierung in Berlin besonders intensiv gegenseitig den Puls, nehmen Witterung auf, zeigen sich – und zeigen auf andere. Nicht, dass sie das sonst nicht im Wochenrhythmus ohnehin täten – doch der Tag der Industrie steht für mehr, weil er eine Mischung ist aus großem Lobbyismustheater und offener Wahlkampfbühne, Egoshow und Argumentationsgefechten, Themenbörse und angewandter Politkonjunkturforschung.

Was steht an? Wer steht wo? Wer hat die besten Konzepte? Und wer verdient die Macht, sie umzusetzen? Das sind die alljährlichen Fragen. 2020 könnte ein besonders spannendes Jahr der Antworten werden.

Das liegt zum einen, leider, an der Pandemie. So fragil und offen zugleich, zu gleichen Teilen depressiv wie hoffnungsvoll, war die Wirtschaftslage wohl seit Jahrzehnten nicht mehr. Und zum anderen geht die deutsche Politik gleichzeitig in einen Wahlkampf, der knapp zwölf Monate vor dem Urnengang seinerseits selten zuvor derart unkalkulierbar wirkte.

Insofern ist es bemerkenswert, wer beim diesjährigen Tag der Industrie, der an diesem Montag beginnt, alles nicht sprechen wird: der SPD-Kanzlerkandidat zum Beispiel. Olaf Scholz wird von Parteichef Norbert Walter-Borjans vertreten, der sich mit dem Oberliberalen Christian Lindner duellieren wird. Auch Armin Laschet, Norbert Röttgen und Friedrich Merz, die drei CDU-Vorsitzkandidaten, treten allesamt nicht auf.

Dafür aber ein anderer. CSU-Chef und Ministerpräsident Markus Söder kommt am Dienstag zu Besuch – und zwar mit der Grünen-Co-Vorsitzenden Annalena Baerbock. Baerbock hat sich bei zurückliegenden Auftritten vor der versammelten Wirtschaftselite mehr als respektabel geschlagen – ob das nun auch gelten wird, wenn sie sich direkt neben und mit dem demoskopischen Mann der Stunde misst (oder sie Söder gar in den Schatten stellt)?

Selbstverständlich ist auch der Wirtschaftsminister mit von der Partie. Nicht so selbstverständlich ist, dass Peter Altmaier in der Vergangenheit hier, nun ja, nicht immer seine besten Stunden hatte. Um Worte (viele Worte) war er nie verlegen, nur folgten ihnen nicht immer gleich die Taten, die er selber in Aussicht gestellt hatte. Den einen macht er bis heute ordnungs- und energiepolitisch zu wenig, den anderen industriepolitisch zu viel.

Diesmal jedoch kommt Altmaier als Comeback-Minister. Das Corona-Krisenmanagement hat dem Wirtschaftsminister erkennbar neue Kraft gegeben, eine neue Lust auf zupackende Politik, trotz des dramatischen Anlasses. Noch im Winter und Frühjahr wirkte Altmaier, als gehe er als treuer Wegbegleiter Angela Merkel auf seine politische Schlussrunde, nun jedoch macht er wieder den Eindruck eines Ministers, der nur zu gern der kommenden Bundesregierung noch einmal angehören möchte.

Bleibt noch seine Chefin, die Bundeskanzlerin. Für Angela Merkel dürfte es der letzte Tag der Industrie werden. Unvergessen ihr Auftritt im vergangenen Jahr, als sie der Autoindustrie die Abgas-Leviten las: „Ich könnte jetzt darüber sprechen, wie viele Stunden ich in diesem einen Jahr und den drei Monaten damit verbracht habe, mich mit dem Vertrauensverlust der deutschen Automobilindustrie und ihren Regelverletzungen auseinanderzusetzen.“

Jener „Tag der offenen Aussprache“ (nochmal Merkel) markierte eine unübersehbare Distanz. Er war umso bemerkenswerter, weil das Verhältnis von Merkel zur Wirtschaft ohnehin nie von besonderer Innigkeit geprägt war. An die Reformlust ihrer früheren Oppositionsjahre wollte sie, kaum im Amt, immer nur ungern erinnert werden. Merkel selbst wiederum beobachtete auf der anderen Seite eine Abfolge von Skandalen, machte im Laufe der Jahre Bekanntschaft mit der Arroganz der Großbanker während der Finanzkrise, zuletzt eben mit Tricks und Täuschungen in der Automobilbranche – was ihre Zuneigung nicht gerade steigerte.

Das Ergebnis: Je öfter Verbandsbosse in der Hauptstadt die Sozialdemokratisierung und Agenda-Allergie der Regierungen Merkel geißelten, desto lakonischer konterte die Kanzlerin die Wut auf ihre eigene Art: mit Achselzucken und Abkehr.

Bis eben zu jener Rede 2019. Mal sehen also, was sich die bald scheidende Kanzlerin, die heute aber noch immer hellwache Chefin einer mit zig Milliarden operierenden Rettungsmaschinerie ist, für ihren letzten Tusch aufbewahrt hat.

Mehr zum Thema: In der Coronakrise leiden ausgerechnet die Bundesländer am schwersten, deren produzierende Wirtschaft besonders stark ist.

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