Genossenschaften: Immer mehr Dorfläden regeln die ländliche Nahversorgung

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Genossenschaften Immer mehr Dorfläden regeln die ländliche Nahversorgung

Durch den demographischen Wandel steigt der Bedarf an wohnortnahen Einkaufsmöglichkeiten. Genossenschaftlich gegründete Dorfläden setzen sich zunehmend durch – trotz finanziellem Risiko.

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Gibt es hier was umsonst? Vor einem Lebensmittelgeschäft im kleinen Dorf Grafeld, 50 Kilometer nördlich von Osnabrück, stehen die ersten Kunden bereits am Sonntagmorgen um 7.50 Uhr in der Schlange. Zehn Minuten später öffnet sich die Tür. Der erste Blick in den Laden ist enttäuschend. Nichts Besonderes – und gratis gibt es auch nichts. Im Gegenteil: Die Preise sind überwiegend höher als bei den großen Discounterketten. Dennoch betreten im 30-Sekunden-Takt lächelnde Kunden den Laden. Hier wird der Einkauf zur Nebensache, vielmehr steht der Austausch über wesentliche Themen aus dem Dorf – wie das Fußballspiel am Vortag – im Fokus. Es herrscht eine lockere Stimmung. Schnell wird klar: Dieser Laden ist nicht nur ein Supermarkt. Er ist der Treffpunkt aller Dorfmitglieder. Jeder kennt jeden, jeder redet mit jedem. Oft auf Plattdeutsch.

„Für mich ist der Dorfladen meine zweite Heimat“, bestätigt der Stammkunde Wilfried Schröer. Der 56-Jährige kauft täglich im Grafelder Laden frische Lebensmittel ein. Die Preise spielen für ihn keine Rolle. Aus einem ganz bestimmten Grund: Der Laden gehört ihm – zusammen mit 373 anderen Dorfmitgliedern. Sie bilden eine Bürgergenossenschaft. Ansonsten würde der Nahversorger nicht mehr bestehen können. Denn das ehemalige Edeka-Geschäft war 2017 kurz davor, keinen Nachfolger zu finden. Um eine Schließung zu verhindern, haben sich Klemens Mehmann, Guido Holtheide, Karin und Helmut Ramler zusammengetan und einen Plan geschmiedet. „Ohne unseren Lebensmittelladen hätte sich unser Dorf irreparable Zukunftsschäden zugezogen“, sagt das Vorstandsmitglied Klemens Mehmann.

Denn: Die Sicherung der Nahversorgung ist von besonderer Bedeutung für die Zukunftsfähigkeit des ländlichen Raumes und die Lebensqualität der Menschen in den Dörfern. Immer mehr sind es leid, sich von den großen Lebensmittelketten vorschreiben zu lassen, wie weit die Menschen zum Einkaufen fahren müssen. Fast 300 bürgerschaftlich, als Selbsthilfeeinrichtungen organisierte Dorfläden gebe es aktuell zwischen bayerischem Alpenvorland und Nordseeküste – die meisten davon in Bayern, sagt Günther Lühning, Vorsitzender der Bundesvereinigung Dorfläden. Von Bürgern, für Bürger.

„Mit Blick auf die Alterung der Gesellschaft und den demographischen Wandel wird der Bedarf an wohnortnahen Einkaufsmöglichkeiten steigen“, weiß Lühning. Wer selbstbestimmt in vertrauter Umgebung alt werden möchte, müsse sich auch im direkten Umfeld selbst versorgen und einkaufen können. Bürger-Dorfläden tragen laut dem Vorsitzenden aber auch zur Attraktivität eines Dorfes bei, da sie als Treffpunkt für alle Generationen dienen. So wie der Grafelder Dorfladen.

Genossenschaften brauchen einen finanziellen Spielraum

Allerdings stehen Bürgerläden vor finanziellen Herausforderungen. Einige schreiben leicht rote Zahlen, leben von der Substanz und müssen Maßnahmen zur wirtschaftlichen Gesundung einleiten, ergänzt der Vorsitzende der Bundesvereinigung. Oft würden die Kosten unterschätzt. Auch in Grafeld sind sie höher als erwartet: „Bislang haben wir keine großartigen Gewinne“, bestätigt Mehmann. Der Geschäftsbetrieb wird überwiegend aus den 529 Anteilen im Wert von je 250 Euro finanziert – das macht etwas mehr als 133.000 Euro. Noch mag das Eigenkapital reichen, doch in Zukunft kann das zum folgenschweren Problem werden. Die durchschnittlich 210 Kunden täglich müssten mehr einkaufen, um den Dorfladen am Leben zu halten. Für die wenigen Kunden hat Mehmann auch eine Erklärung: Das Dorf hat kaum Arbeitsplätze, sodass Pendler auf dem Arbeitsweg oft in den Supermärkten der Nachbardörfer anhalten.

Gewinnmaximierung spielt für Grafeld aber keine Rolle: „Die Eigentümer von Aldi oder Lidl sind Milliardäre – wir wollen keine werden“, sagt das Vorstandsmitglied. Deshalb sieht sich die Genossenschaft auch nicht als Unternehmen, sondern vielmehr als wirtschaftlichen Verein. Um die Nahversorgung weiterhin ermöglichen zu können, sind Gewinne jedoch notwendig. Das kann der Vorsitzende der Bundesvereinigung Dorfläden bestätigen: „Das Geschäftsprinzip Auskömmlichkeit statt Gewinnmaximierung reicht heute nicht mehr“. Die regionale Wertschöpfung muss gesteigert werden, um nachhaltig erfolgreich zu sein. Betriebswirtschaftlich gesehen ist ein Risikoausgleichsposten und finanzieller Spielraum für notwendige Investitionen Voraussetzung. Notwendige Investitionen gibt es in dem Laden: Die Kühltruhen müssen dringend ausgewechselt werden, da diese stark beschlagen und damit die Sicht auf die Frischware erschweren.

Gewinne sind gar nicht so einfach zu erzielen, wie Klemens Mehmann dachte. Der starke Anstieg des Mindestlohns seit der Gründung im Jahr 2017 von 8,50 Euro auf 10,45 Euro die Stunde bereitet Sorgen. Für die Genossenschaft sei jede Erhöhung des Mindestlohns, den die zehn Mitarbeiter ausgezahlt bekommen, ein schwieriger Anpassungsprozess. Wenn sich der Lohn noch weiter erhöhen sollte, ist der Vorstand gezwungen, die Preise der Lebensmittel zu erhöhen. Dabei sind diese bei vielen Artikeln ohnehin schon höher als in den großen Discounterketten. Bislang halten die Preise die Kunden noch nicht vom Einkauf ab. Das kann Margrit Weber bestätigen: Die 65-Jährige kauft jeden Tag im Dorfladen für sich und ihren Sohn ein. Bewusst. Sie will damit beeinflussen, dass die Genossenschaft bleiben kann. Einen Anteil hat sie auch. Doch nicht nur sie kauft trotz höherer Preise gerne vor Ort: „Wir ziehen alle an einem Strang“, sagt die Stammkundin. Das merke sie immer wieder, wenn sie andere Mitglieder beim Einkaufen treffe.

Insgesamt habe der Dorfladen fast 100 Stammkunden, die täglich den Laden betreten, bestätigt die Mitarbeiterin Siegfried Elbers. Für viele ist der Einkauf jedoch nur Nebensache. Die meisten betreten den Laden, um sich über „dütt und datt“ zu unterhalten. So auch Magrit Weber mit der Verkäuferin. Elbers ist für sie eine gute Freundin geworden. Und andersherum.

Die meisten der Stammkunden kommen mit dem Fahrrad oder Auto. Doch es gibt auch Ausnahmen: „Wir haben Kunden, die hierhin reiten“, sagt Mehmann. Ihre Pferde befestigen zwei Männer jede Woche an Halteringen vor der Tür und treffen sich dann in dem Dorfladen zum Kaffeetrinken.

Es ist 10:20 Uhr – kurz vor Ladenschluss. Der Parkplatz ist immer noch voll mit Autos. „Wird sonntags arbeiten eigentlich bestraft?“ ist der erste Spruch, den der nächste Kunde der Verkäuferin drückt. Sie lacht nur. Nachdem der Kunde seine Ware bezahlt hat verabschiedet er sich: „Tschüss, erholt euch von mir“, sind seine Worte. Sie lacht lauter. Und genau deshalb arbeitet Elbers in dem Dorfladen: „Ich bin hier wegen der positiven Stimmung“, sagt sie. Da nimmt sie auch den geringeren Lohn als bei der großen Konkurrenz in Kauf – und die Arbeit am Sonntag.

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