Geldanlage global: Zögern kann an der Börse kostspielig werden

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Nach der Aktienmarktrally ist die Volatilität zurückgekehrt. Das führt dazu, dass viele Anleger zu lange warten, in die Märkte einzusteigen. Lieber sollten sie überschüssige Mittel sofort investieren.

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Das US-Repräsentantenhaus hat seine 16 Monate dauernde kartellrechtliche Untersuchung gegen die vier großen Technologieunternehmen Alphabet, Amazon, Apple und Facebook abgeschlossen. Die Gesetzgeber kamen zu dem Schluss, dass sich die Unternehmen „in die Art von Monopolen verwandelt haben, wie wir sie zuletzt in der Ära der Ölbarone und Eisenbahnmagnaten gesehen haben“. Der Untersuchungsbericht des Repräsentantenhauses und die negativen Schlagzeilen über die Anordnung von Präsident Donald Trump, die Verhandlungen über das Konjunkturprogramm zu stoppen, haben in der Vorwoche den Aktienmarkt belastet und Anleger veranlasst, Fragen nach der Zukunft des Technologiesektors zu stellen.

In dem 449-seitigen Bericht heißt es, dass sich die vier Firmen wettbewerbswidrig verhalten und Konkurrenten auf ihren Plattformen benachteiligt hätten. Weniger Klarheit gibt es jedoch über das geeignete Vorgehen. Wie die gesetzlichen Regeln aussehen werden, ist zwar teilweise von den US-Wahlen im November abhängig. Insgesamt beurteile ich die offenbar begrenzte Handlungsbereitschaft für eine noch aggressivere Vorgehensweise bei der Zerschlagung der Techriesen mit Blick auf ein solches Risikoereignis als leicht neutral bis positiv.

Noch viel wichtiger ist jedoch meines Erachtens die Frage, inwieweit die breite Rally der US-Aktien in diesem Jahr auf den Kursgewinnen der Mega-Caps beruht. Die jüngsten Kursschwankungen deuten auf Konzentrationsrisiken hin. Die globalen Kursgewinne dürften ab jetzt eher von „normaleren“ Themen angetrieben werden als vom Trend des Zuhausebleibens, der die Mega-Caps der Technologiebranche befeuert hat. Die Anleger sollten also ihre Investments für die nächste Aufwärtsetappe diversifizieren.

Innerhalb des Technologiesektors diversifizieren

Tech-Aktien befinden sich nicht in einer Blase und sind angesichts ihrer Gewinnwachstumsaussichten fair bewertet (das aktuelle KGV-Wachstums-Verhältnis für globale Technologieaktien liegt bei etwa 1,4x). Ich halte viele der führenden Unternehmen immer noch für attraktiv. Mittlerweile ist Wachstum teurer geworden. Daher ist der Zeitpunkt günstig, über ein Neugewichtung der Mega-Caps nachzudenken. Der Erlös könnte in andere langfristige Technologiethemen investiert werden, die zwar noch in den Kinderschuhen stecken, aber infolge von Covid-19 beschleunigt wurden.

Im Zuge des fortschreitenden Trends zur digitalen Transformation gewinnen Technologieunternehmen und Unternehmen, die Technologie einsetzen, weitere Marktanteile auf Kosten der etablierten Wettbewerber in verschiedenen Branchen. In vielen traditionellen Branchen liegt der Marktanteil von Unternehmen mit disruptiven Technologien im einstelligen Bereich oder bestenfalls bei zehn Prozent. Daher sehe ich hier großes Potenzial für weiteren Bodengewinn. Beispielsweise sind 5G-Wegbereiter und Plattformunternehmen interessant. Zu diesen gehören führende Unternehmen in den Bereichen Smart Mobility, Cloud und Gaming sowie China-Aktien der digitalen Wirtschaft, einschließlich E-Commerce, Lebensmittellieferung, Reisen, Suchmaschinen und Fintech-Dienste.

Über den Technologiesektor hinaus diversifizieren

Die nächste Aufwärtsetappe der Rally dürfte wahrscheinlich von mehr Mobilität, positiven Impfstoffentwicklungen und Verbesserungen der politischen Entwicklungen in den USA abhängen. Dies wird einen Favoritenwechsel bewirken und dem britischen Aktienmarkt, US-Mid Caps, Value-Aktien aus Schwellenländern und globalen Industrieunternehmen zugutekommen. Langfristiges Wertpotenzial bieten zudem Unternehmen und Sektoren, die von Megatrends wie dem demografischen Wandel und großen Strukturveränderungen profitieren, einschließlich einer vierten industriellen Revolution und wachsender Umweltbelastungen.

Nachhaltiges Anlegen (Sustainable Investing, SI) wird immer beliebter. Bereits mehr als eine Billion Dollar sind in spezielle SI-Fonds investiert. Ich bin überzeugt, dass nachhaltiges Anlegen weiter Fahrt aufnimmt und nun der richtige Zeitpunkt ist, den Anlageansatz im Portfolio zu berücksichtigen, da sich diverse Regierungen zu einer „grünen Erholung“ verpflichtet haben. So wollen die 50 größten Volkswirtschaften dieser Welt aufgrund der Pandemie 583 Milliarden Dollar in die Förderung ökologischer Initiativen stecken. Anleger, die den Weg des nachhaltigen Anlegens beschreiten, können ihre Renditen verbessern, das Risiko verringern und zur Erreichung sozialer und ökologischer Ziele beitragen.

Bleiben Sie investiert

Vor allem ist es wichtig, investiert zu bleiben. Ein Rebalancing des Engagements in Mega-Cap-Technologieaktien bedeutet nicht, alles zu verkaufen. In den letzten fünf Jahren haben wir einige Korrekturen im globalen Technologiesektor beobachtet. In der Regel waren diese mit einem Rückgang um zehn bis zwölf Prozent vom Hoch bis zum Tief verbunden, auf den in den nächsten sechs Monaten dann in der Regel eine kräftige Erholung um 20 Prozent oder mehr.

Nach der starken Aktienmarktrally im laufenden Jahr ist die Volatilität zurückgekehrt. Das führte dazu, dass viele Anleger zögern, in die Märkte einzusteigen. Abwarten ist jedoch kostspielig und kann dazu führen, dass Anleger der Marktrally hinterherlaufen. In der Regel ist es die beste Strategie, überschüssige Mittel sofort zu investieren. Manche Anleger wollen unter Umständen die kurzfristige Volatilität, welche die Tech-Werte, die US-Wahlen, die Beziehungen zwischen den USA und China oder andere Risiken auslösen, zum Aufbau langfristiger Positionen nutzen. Anleger können zudem Optionen, strukturierte Anlagen oder eine disziplinierte Strategie für den schrittweisen Markteinstieg nutzen. Ich rate daher, an einem Finanzplan festzuhalten, der ein allzu langes Abseitsstehen vermeidet, weil es die langfristigen Renditen schmälern kann.

Mehr zum Thema: Fondsmanager Hendrik Leber versteht sein Handwerk und redet verständlich darüber. Hören Sie mal rein in den WiWo-Club-Expertentalk.

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