Geldanlage global: US-Wahlen: Am wichtigsten für die Märkte ist ein klares Ergebnis

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Am 3. November ist es wieder so weit: Die US-Amerikaner wählen einen Präsidenten. Dies ist ein weltpolitisches Ereignis – auch für die Kapitalmärkte. Schließlich machen US-Titel in vielen relevanten Kapitalmarktindices die Hälfte oder gar noch mehr der Marktkapitalisierung aus.

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Zuerst zu einigen Details: Die USA wählen einen Präsidenten mit Hilfe eines sogenannten „Electoral Colleges“ und im Wesentlichen mit einem Mehrheitsverfahren für die einzelnen Bundesstaaten, sozusagen entsprechend dem Prinzip „the winner takes it all“. Für die einzelnen Bundesstaaten gibt es definierte Anzahl von Wahlmännern, die üblicherweise vollständig dem Abstimmungssieger mit den meisten Stimmen zugeordnet werden, insgesamt 538, Überhangmandate gibt es nicht. Ein Beispiel: Gewinnt der Herausforderer Joe Biden den größten Bundesstaat Kalifornien mit 50,1% der abgegebenen Stimmen, dann erhält er alle 55 Wahlmänner. Gewinnt er mit 75% der abgegebenen Stimmen, erhält er auch 55 Wahlmänner.

Mitte Dezember stimmen diese Wahlmänner in den Bundesstaaten dann jeweils einzeln ab und das Ergebnis wird an den Senatspräsidenten geschickt. Die Auszählung der Stimmen erfolgt dann Anfang Januar im neuen Kongress. Damit entscheidet die Mehrheit der Wahlmänner, nicht die Mehrheit der vom Volk abgegebenen Stimmen. So hatte beispielweise Hillary Clinton USA-weit fast drei Millionen Stimmen mehr erhalten als Donald Trump, auf diesen entfielen aber über 70 Wahlmänner mehr als auf Clinton.

In der vergangenen Woche erlebten wir den Parteitag der Republikaner, die Woche davor den der Demokraten. Wie erwartet treten nun das Team Biden/Harris mit dem ehemaligen Vizepräsidenten Joe Biden und der kalifornischen Senatorin Kamala Harris gegen Donald Trump und seinen Vizepräsidenten Mike Pence an. Bei den Umfragen führt derzeit das Team Biden/Harris, ebenso bei den Wettbüros, allerdings ist die Situation ähnlich wie vor vier Jahren zwischen Clinton/Kaine gegen Trump/Pence. Es ist noch lange nichts entscheiden.

Für die Freiheitsgrade eines neuen Präsidenten, neue politische Ideen zu verwirklichen, ist auch die Zusammensetzung der beiden Kammern des Parlaments wichtig: Hier ist davon auszugehen, dass die Demokraten das Repräsentantenhaus in jedem Fall gewinnen werden. Beim Senat hingegen ist es deutlich enger und es scheint derzeit wahrscheinlich, dass die Partei des dann gewählten Präsidenten dort eine Mehrheit haben wird.

Für die zu erwartende Wirtschaftspolitik bleibt damit je nach Wahlausgang ein Unterschied: Während Biden im Fall eines Sieges relativ hohe Handlungsfähigkeit haben dürfte, wäre Trump aufgrund der Mehrheit der Demokraten im Repräsentantenhaus in seinen Möglichkeiten limitiert, ähnlich wie auch schon die letzten beiden Jahre.

Auswirkungen auf die Kapitalmärkte

Dennoch lassen sich erste Impulse für die Kapitalmärkte erwarten: Die Fortsetzung des Steuersenkungsprogramms Trumps dürfte für Risky Assets (riskante Anlageformen) attraktiver sein, als die Absichten Bidens, Unternehmenssteuern zu erhöhen. Gleiches gilt für die weiteren Deregulierungsbestrebungen von Trump, im Gegensatz zu der wieder stärkeren Regulierung durch Biden. Dagegen sollten von den geplanten Infrastrukturprojekten Bidens Unternehmen aus diesen Sektoren profitieren. Zudem sollten durch die stärkere Betonung des Umweltgedankens ESG-konforme Assets (nachhaltige Geldanlagen) ebenfalls von einer Wiederwahl Bidens Vorteile ziehen.

Einen großen Unterschied dürfte der Wahlausgang auch auf die ökonomischen Beziehungen der EU zu den USA haben. Bei einer Wahl Bidens dürften die alten Bündnisstrukturen wieder stärker betont werden, ein Zollstreit ist weniger wahrscheinlich, während bei einem Wahlsieg Trumps Autozölle in 2021 wieder auf der Tagesordnung stehen könnten.

Im Nahen Osten dürfte bei einem Sieg Bidens die Konfrontationsgefahr im Persischen Golf sinken, damit das Angebot an Öl noch größer werden und der Ölpreis stärker unter Druck geraten, als bei einer Wiederwahl Trumps. Damit könnte der US Shale Oil Sektor nicht nur unter stärkerer Regulierung leiden.

Wenig Änderung in der Sache, wohl aber in der Form, könnte auf die Beziehungen Chinas mit den USA zukommen. Die China-kritischen Resolutionen wurden in beiden Kammern des Kongresses von der überwiegenden Anzahl beider Fraktionen verabschiedet, die Versuche China zu „containen“ dürften weitergehen. Allerdings sollte dies im Falle eines Wahlsieges von Trump mehr disruptiv und chaotisch erfolgen, als im Falle eines Wahlsieges von Biden. Auch dürfte ein Wahlsieg von Trump die technologische „Teilung“ der Welt weiter vorantreiben.

Natürlich sind bei einer Konjunktur- und Kapitalmarkteinschätzung die eigenen Erwartungen zu formulieren. Da ist nicht die Frage, wie man selbst abstimmen würde, sondern die Frage, welches Ergebnis man erwartet. Mein Base Case ist noch immer, dass Trump die Wahl gewinnt. Seine Strategie scheint mir wie keine andere auf die Spezifika des amerikanischen Wahlsystems ausgerichtet. Die Demokraten haben wenig an den Strategien geändert, mit denen sie schon vor vier Jahren verloren haben. Auch der aktuelle Vorsprung der Demokraten ist nicht viel anders als der vor vier Jahren mit demselben zeitlichen Abstand vor dem Wahltag. Eine Wiederwahl Trumps dürfte uns sicherlich eine erhöhte Volatilität an den europäischen und asiatischen Märkten bescheren.

Darüber hinaus wird sich in jedem Fall die Volatilität an den Märkten um den Wahltag herum deutlich erhöhen. Der Graben zwischen Republikanern und Demokraten ist riesig geworden, die Polarisierung und die wechselseitige Verachtung, mit der sich führende Repräsentanten der beiden dominierenden US-Parteien begegnen ist so – glücklicherweise – derzeit in Deutschland nicht vorstellbar. Aber er erhöht das Risiko großer Unsicherheit um den Wahltag herum. Nicht, dass ich es für möglich halte, dass Präsident Trump seinen Platz nicht räumt, wenn das Wahlmännergremium einen anderen Präsidenten bestimmt hat. Da ist mein Vertrauen in die Institutionen der US Demokratie ungebrochen und da sollte man sich vor Verschwörungstheorien hüten.

Aber natürlich ist es möglich, dass, ehe das Wahlmännergremium zusammentritt, Ergebnisse angefochten werden. Eine Hängepartie, wie wir sie bei der Wahl von George Bush gegen Al Gore 2000 in Florida gesehen haben, könnte dieses Mal wesentlich erbitterter und ohne Eingeständnis der Niederlage von beiden Seiten geführt werden. Und uns möglicherweise sogar zeitweise in ein verfassungsrechtliches Niemandsland bringen, was sicher einen Volatilitätsschub auslösen sollte. Insofern dürften sich die Kapitalmärkte vor allem eines wünschen: einen klaren Wahlsieger.

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In ihrer Kolumne analysieren und kommentieren Jürgen Callies und Mark Haefele die konjunkturelle Entwicklung und Wirtschaftspolitik. Hier finden Sie ihre Kolumnen-Übersicht.

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