EZB-Geldpolitik : Strafzinsen fressen Rücklagen der Unternehmen

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EZB-Geldpolitik Strafzinsen fressen Rücklagen der Unternehmen

Der Trend zu Negativzinsen in Europa ist ungebrochen. Durch die expansive Geldpolitik schmelzen die Liquiditätspolster der Unternehmen.

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Die Negativzinsen werden mehr und mehr zum Normalzustand in Deutschland. Nach Angaben des Vergleichsportals Verivox geben aktuell 126 Banken an, negative Zinsen zu erheben – vor einem Jahr waren es erst 13. Und weiter: 13 Banken verlangen für das üblicherweise kostenlose Tagesgeldkonto Gebühren und einige Banken sowie Sparkassen erheben Negativzinsen, ohne sie online zu veröffentlichen. Grund für diese Entwicklung sind die niedrigen Leitzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) für die Eurozone. Seit der erstmaligen Senkung in den negativen Bereich im Jahr 2014 ist der Zins weiter gefallen, seit einem Jahr liegt er auf dem Rekordtief von minus 0,5 Prozent. An diesem Donnerstag fällt die nächste Zinssatzentscheidung der EZB. Experten rechnen mit keiner Zinsänderung.

Unternehmen weichen aus

Auch ohne eine weitere Senkung sind die Negativzinsen für viele Unternehmen eine Herausforderung. Die Niedrigzinsen setzen die Geschäftsmodelle der Banken unter Druck: „Das Niedrigzinsumfeld belastet die Ertragslage aller Banken spürbar“, bestätigt Christoph Ott, Pressesprecher der Commerzbank. Um die sinkenden Erträge zu kompensieren, erhebt die Commerzbank bei Kunden, die hohe Guthaben auf ihren Bankkonten halten, seit Beginn der Negativzinsen eine Guthabengebühr. Unternehmen, die finanzielle Rücklagen für Krisen wie die Corona-Pandemie gebildet haben, müssen Gebühren darauf zahlen, wenn diese einen Freibetrag überschreiten. „Durch den negativen Zins schmelzen die Liquiditätspolster der Unternehmen“, sagt Sebastian Krauß, stellvertretender Vorsitzender der Kommission Steuern und Finanzen vom Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW).

Viele Unternehmen versuchen daher, dem Negativzins auszuweichen. Manche stecken ihr Geld in Aktien. Dadurch aber fehlen ihnen im Krisenfall hoch liquide Rücklagen und sie sind auf staatliche Hilfe angewiesen. Hinzu kommt: „Die alternativen Anlagemöglichkeiten sind mit einem höheren Verlustrisiko verbunden“, ergänzt Daniel Mitrenga, Mitglied der Geschäftsleitung vom Verband Die Familienunternehmer. Dass Aktien inmitten einer der schwersten Wirtschaftskrisen der Geschichte haussieren, sei eine direkte Folge der Niedrigzinspolitik der EZB. 

Unternehmen, die ihre liquiden Mittel nicht in den Aktienmarkt investieren wollen, könnten diese auf mehrere Banken verteilen, um den Negativzinsen zu entgehen. Laut Mitrenga ist das eine beliebte Strategie, auch wenn das Cashflow-Management dadurch komplexer werde. Allerdings: 50 Prozent der großen deutschen Mittelständler haben mehr als eine Million Euro, die sie anlegen können. Ein Viertel der Unternehmen verfügt sogar über 100 Millionen Euro, hat das Umfrageinstitut Forsa in Zusammenarbeit mit der Commerzbank herausgefunden. Da wird es schwierig, das Geld bei verschiedenen Banken unterzubringen ohne den Überblick zu verlieren. Daher seien es vor allem kleinere und mittlere Unternehmen, die ihre Liquidität auf mehrere Banken aufteilen, sagt Krauß. 

Risiko Fehlinvestition

Wollen sich die Banken Geld von der EZB leihen, müssen sie dafür aktuell null Prozent an Zinsen zahlen. Die Banken geben die niedrigen Zinsen an ihre Kreditnehmer weiter. Das hat die Finanzierungskosten für Investitionen gedrückt. Insgesamt bringe die EZB-Geldpolitik den Unternehmen mehr Vor- als Nachteile, sagt Timo Wollmershäuser, Leiter der Konjunkturforschung beim Münchner ifo-Institut. Besonders der Bausektor profitiere von den niedrigen Zinsen für Immobilienkredite. Allerdings sieht Wollmershäuser die Gefahr, dass die Niedrigzinsen Investitionen rentabel erscheinen lassen, die es unter normalen Zinsbedingungen nicht sind. Das erhöhe das Risiko von Fehlinvestitionen.

Umstritten ist unter Experten, ob die EZB mit ihren Leitzinssenkungen den Trend bei den Zinsen setze oder ob sie nur auf einen von den Marktkräften getriebenen, säkularen Abwärtstrend bei den Zinsen reagiere. Die Nachfrage nach Kapital von Seiten der Unternehmen sei aus strukturellen Gründen gesunken, sagt Wollmershäuser. Viele Investitionen im Bereich der Digitalisierung erfordern weniger Kapital als frühere Großinvestitionen in Anlagen und Maschinen. Zudem habe die demographische Entwicklung das Sparangebot erhöht, weil die Generation der Babyboomer vermehrt Geld fürs Alter zurücklege. Das drücke auf die Marktzinsen. 

Vorerst keine höheren Zinsen in Sicht

Probleme bereiten die Niedrigzinsen den Unternehmen auch bei der betrieblichen Altersvorsorge für ihre Beschäftigten. Da sich die angelegten Gelder kaum mehr verzinsen, müssen die Unternehmen ihre Rückstellungen aufstocken, um die Leistungszusagen gegenüber ihren Beschäftigten zu erfüllen.

Wegen der Corona-Krise steht bei vielen Betrieben derzeit die Sicherung der Liquidität im Vordergrund. Viele sind auf staatliche Hilfen angewiesen. So übernimmt die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) für Bankkredite an Unternehmen 80 bis 90 Prozent des Ausfallrisikos, für Schnellkredite sind es sogar 100 Prozent. Dafür erhält sie ihrerseits Garantien aus dem Corona-Paket der Bundesregierung im Volumen von mehr als einer halben Billion Euro. Zudem hat die Bundesregierung die Mehrwertsteuer befristet gesenkt. Außerdem können Unternehmen, die coronabedingt in diesem Jahr mit einem Verlust rechnen, eine rückwirkende Erstattung der für 2019 gezahlten Steuern bei ihrem zuständigen Finanzamt beantragen. Der Verlustrücktrag wird auf Grundlage des pauschal ermittelten Verlustes für das aktuelle Jahr berechnet. Auch das Kurzarbeitergeld entlastet die Unternehmen.

Trotz der milliardenschweren Hilfen dürfte der Weg aus der Corona-Krise lang werden. Die EZB werde ihre ultralockere Geldpolitik deshalb vorerst nicht ändern, glaubt Wollmershäuser. Erst wenn sich die Konjunktur nachhaltig gebessert und die Inflation spürbar angezogen habe (aktuell liegt sie bei minus 0,2 Prozent), werde die Notenbank reagieren. In einem ersten Schritt müsse sie ihre Wertpapierkäufe zurückfahren. Erst danach sei mit der Anhebung der Leitzinsen zu rechnen. Das aber, so Wollmershäuser, werde nicht vor Ende nächsten Jahres geschehen.

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