EU-China-Gipfel: „China wird zum Westen aufschließen“

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EU-China-Gipfel „China wird zum Westen aufschließen“

Der Asien-Chefvolkswirt der britisch-asiatischen Bank HSBC, Frederic Neumann, über Chinas Erfolg im Kampf gegen die Coronakrise und den Konflikt mit den USA um die Vorherrschaft in der Weltwirtschaft.

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Herr Neumann, Chinas Wirtschaft ist nach dem Einbruch zu Jahresbeginn im zweiten Quartal wieder gewachsen. Wie hat es das Land geschafft, die Coronakrise so schnell zu überwinden und die Wirtschaft wieder auf Trab zu bringen?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens hat China sehr schnell auf das Virus reagiert und strenge soziale Distanzierungen durchgesetzt. Das hat die Infektionszahlen reduziert und das Vertrauen der Bevölkerung gestärkt. Zweitens hat die chinesische Regierung die Finanzpolitik gelockert und schnell Infrastrukturprojekte aufgelegt. Anders als andere Länder ist China aufgrund seiner zentralstaatlichen Organisation in der Lage, Projekte ohne größere zeitliche Verzögerungen auf den Weg zu bringen. Drittens hat China davon profitiert, dass die Coronakrise die weltweite Nachfrage nach medizinischer Schutzausrüstung und elektronischen Produkten angekurbelt hat. Das sind Güter, bei denen Chinas Exportindustrie gut aufgestellt ist. 

Wird China die Weltwirtschaft also wieder retten, so wie 2009, als das Land ein riesiges Konjunkturprogramm auflegte?
So groß wie damals ist der Stimulus diesmal nicht. Im zweiten Halbjahr könnten Chinas Wachstumsraten wieder auf vier bis fünf Prozent anziehen. Zweistellige Raten wie zur Zeit der Finanzkrise halte ich aber für unwahrscheinlich. Die Regierung wird die expansiven Impulse schneller zurückfahren als damals. So hat die Zentralbank im Mai bereits damit begonnen, die ins Bankensystem gepumpte Liquidität teilweise wieder abzuziehen, woraufhin die Zinsen gestiegen sind. 2009 stand die Regierung mit dem finanz- und dem geldpolitischen Fuß auf dem Gaspedal. Diesmal steht nur der finanzpolitische Fuß auf dem Gaspedal, der geldpolitische Fuß hingegen steht schon wieder auf dem Bremspedal. 

Was ist der Grund dafür?
Die Regierung will verhindern, dass die Immobilienmärkte heiß laufen und wie damals Preisblasen entstehen. 

Eine Spätfolge des damaligen Konjunkturprogramms ist die noch immer hohe Verschuldung der Unternehmen. Erwächst daraus demnächst eine Bankenkrise?
Es ist nicht außergewöhnlich, dass in Krisenzeiten die Kreditausfälle zunehmen. Die Schulden der Unternehmen in China konzentrieren sich auf die Staatsunternehmen. Hinter ihnen steht die Regierung, sie kann den Unternehmen mit Überbrückungskrediten unter die Arme greifen. So kann sie eine Bankenkrise verhindern. Viele Banken haben zudem ihre Kapitalausstattung in den vergangenen Jahren verbessert. Gleichwohl ist nicht auszuschließen, dass es in den nächsten Monaten zu einer Konsolidierungswelle im Bankensektor kommt, an der vor allem kleinere Banken beteiligt sind. Die Regierung strebt eine Reform des Bankensystems an, die auch das Risikomanagement verbessert. Im Rahmen dieser Reform sind Rekapitalisierungen durch den Staat denkbar. 

Die Coronakrise hat viele Chinesen den Job gekostet. Wie groß ist die Gefahr sozialer Unruhen, die die Macht der Regierung in Frage stellen?
In der Tat haben viele Chinesen in der Krise ihren Job verloren. Das hat den Massenkonsum geschwächt. Die Nachwehen der Coronakrise auf dem Arbeitsmarkt werden noch eine Weile anhalten. Aber eine Gefahr für die soziale Stabilität, die die Macht der Regierung gefährden könnte, sehe ich nicht. Die chinesische Bevölkerung schaut sich international um und sieht, dass ihre Regierung das Land vergleichsweise gut durch die Krise gesteuert hat. Das Potenzial für soziale Unruhen ist daher gering.

Neben der Coronakrise macht der Handelskonflikt mit den USA der chinesischen Wirtschaft zu schaffen. Manche Beobachter glauben, ein Wahlsieg Joe Bidens bei den Präsidentschaftswahlen in den USA werde den Konflikt entschärfen.
Ein Wahlsieg Joe Bidens könnte einige Änderungen im diplomatischen Umgang der USA mit China zur Folge haben und die Hitze aus dem Konflikt nehmen. Der Schwerpunkt der Auseinandersetzungen könnte sich vom Außenhandel auf die Frage der Menschenrechte verlagern. Aber das Grundproblem der bilateralen Beziehungen bleibt bestehen. Wenn eine Macht, die jahrzehntelang der unangefochtene Hegemon in der Welt war, durch eine andere Macht herausgefordert wird, sind Konflikte programmiert. Ob im Handel, der Technologiepolitik oder der Geopolitik. Ich fürchte, eine schnelle Entspannung wird es nicht geben. 

Die USA streben eine Abkoppelung des Westens von China an. Wird sich die Welt in einen von China dominierten asiatischen und einen von den USA dominierten westlichen Teil spalten?
Eine totale Entkoppelung wie etwa zwischen den USA und der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg wird es nicht geben. Die USA und China sind trotz aller Konkurrenz wirtschaftlich stark vernetzt. US-Unternehmen erzielen in China Umsatzerlöse von 500 Milliarden Dollar im Jahr, das wird man nicht einfach aufgeben. Zudem haben die Importe der USA aus China in den vergangenen Monaten wieder zugenommen. Das zeigt, wie eng die gegenseitige Abhängigkeit ist. Man kann die Beziehungen nicht einfach auf null zurückfahren. Etwas anders könnten die Dinge allerdings im Technologiebereich liegen.

Inwiefern?
Die USA wollen ihre Technologieführerschaft verteidigen. Daher versuchen sie, chinesische Konkurrenten von westlichem Know-how abzuschneiden. Im Extremfall könnte die Weltwirtschaft in Zukunft in zwei Technologiezonen zerfallen, die ihre jeweils eigenen Standards und Regulierungen haben. 

Können die USA den Aufstieg Chinas zur technologischen Supermacht noch verhindern?
Amerika kann den technologischen Aufstieg Chinas verlangsamen. Etwa dadurch, dass man den Chinesen keine Halbleiter oder andere wichtige technologische Produkte mehr liefert. Allerdings verfügt China über genug Ressourcen, um die eigene Entwicklung und Produktion von Technologieprodukten voran zu treiben. Mittelfristig dürfte es China gelingen, mit eigenen Produkten und Innovationen zum Westen aufzuschließen. Schauen Sie sich den Bereich der künstlichen Intelligenz, die Pharmaindustrie oder die Quantencomputer an. Da hat China schon zum Westen aufgeschlossen oder ist sogar an ihm vorbeigezogen. Ein technologisch unabhängiges China wird ein noch härterer Konkurrent für die USA werden.

Die US-Regierung hat die Transparenzanforderungen für chinesische Unternehmen bei Börsengängen in den USA verschärft. Droht jetzt eine Abkoppelung der Kapitalmärkte?
Während die USA versuchen, Chinas Zugang zu den westlichen Kapitalmärkten einzuschränken, öffnet China seinen Kapitalmarkt für ausländische Investoren und treibt die Integration in die globale Finanzwirtschaft voran. Die Idee dahinter ist einfach. Wenn die USA den Chinesen den Zugang zum westlichen Kapitalmarkt erschweren, holen sich die Chinesen das westliche Kapital eben ins eigene Land. Die Kapitalzuflüsse nach China steigen seit Monaten. China lockt mit höheren Zinsen und höheren Wachstumsraten als der Westen. Und amerikanische Sparer und Investoren haben ein Interesse an möglichst hohen Renditen. Eine vollständige Abkoppelung der Kapitalmärkte würde nicht nur China, sondern auch dem Westen schaden.

Der Konflikt zwischen den USA und China betrifft auch die Länder Asiens. Wer zählt da zu den Gewinnern, wer zu den Verlierern?
Viele amerikanische und chinesische Unternehmen, die bisher in China produzierten, haben ihre Produktion im Zuge des Handelskonflikts in andere Länder Asiens verlagert, um beim Export nach Amerika den US-Zöllen zu entgehen. Vor allem Vietnam und Malaysia haben davon profitiert. Indien hingegen hat nicht profitiert. Der Subkontinent verfügt zwar über enorme Ressourcen, doch es fehlt eine wettbewerbsfähige Exportindustrie. Die Bürokratie und die Arbeitsmarktregulierungen schrecken viele Unternehmen von Investitionen in Indien ab. Auch Korea zählt zu den Verlierern.

Wieso Korea?
Den südkoreanischen Unternehmen, die in den vergangenen Jahren in China produzierten, ist es nicht gelungen, eine günstige Produktionsstruktur außerhalb Chinas aufzubauen. Zudem spürt das Land den Druck aus China immer stärker. China ist in den vergangenen Jahren auf der Wertschöpfungsleiter emporgeklettert und in Bereiche vorgestoßen, die zur Domäne koreanischer Unternehmen zählen, etwa im Maschinenbau und der Autoindustrie.

Droht der deutschen Industrie ein ähnliches Schicksal wie der Koreas?
China wird in den nächsten Jahren zu einem immer schärferen Wettbewerber auch für Deutschland und den deutschen Mittelstand. Wir befinden uns an einem Wendepunkt. In den vergangenen Jahrzehnten war China hauptsächlich ein Lieferant für Billigprodukte, in den nächsten Jahren wird das Land Konkurrent bei Hochtechnologieprodukten werden.

Welche Industrie ist in Deutschland besonders gefährdet?
Besondere Gefahr sehe ich für die Autoindustrie. Sie befindet sich weltweit in einem Strukturwandel. In solchen Phasen werden die Karten neu gemischt. Bei der Produktion der Batterien für E-Autos beispielsweise gibt nicht etwa Deutschland den Takt vor, sondern China.

Welche Rolle kommt Europa in dem Konflikt zwischen den USA und China zu?
Europas Position ist nicht so schlecht, wenn man sie etwa mit Australien vergleicht. Australiens Rohstoffindustrie hängt an der Nachfrage aus China. Europa hat dank seiner diversifizierten Wirtschaft einen politischen und wirtschaftlichen Hebel, den es sowohl gegenüber den USA als auch gegenüber China anwenden kann. Mir scheint es ratsam, die Emotionen in dem Konflikt nicht hochkochen zu lassen. Europa sollte kühl mit den USA und China verhandeln, um seine Interessen zu wahren. 

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