Der VW ID.3 im Test: Das Auto überzeugt, die Software enttäuscht

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Der VW ID.3 im Test Das Auto überzeugt, die Software enttäuscht

Der ID.3 von Volkswagen ist eines der wichtigsten Autos der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Er könnte die Umstellung der deutschen Autoindustrie auf den Elektroantrieb einläuten und soll bei den E-Autos das werden, was der VW Golf bei den Verbrennern war: Marktführer, Qualitätschampion und Inbegriff einer ganzen Fahrzeugklasse. Kann das gelingen? Die Redaktion der WirtschaftsWoche hat den ID.3 getestet.

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1. Thomas Stölzel: Note: 3 von 5 Sternen

Eins vorneweg. Nachdem ich den ID.3 gefahren bin, lautet mein Urteil: Es handelt sich nicht um „Das Auto“, dies ist einfach nur „Ein Auto“. Der ID.3 fährt sich solide. Das Fahrwerk fühlt sich straff an. Das Auto zieht an der Ampel ordentlich weg. Die Verarbeitung scheint auf den ersten Blick gut zu sein.

Dass bei mir in diesem Fahrzeug kein Fahrspaß wie in einem Porsche Taycan, einem Tesla Model S oder einem BMW-Roadster mit Verbrennungsmotor aufkommt, hätte ich von einem Fahrzeug der Golf-Klasse zwar nicht erwartet, aber VW hätte mich hier gern überraschen können.

Der Innenraum ist mit allerlei Displays versehen, verfügt über moderne USB-C-Anschlüsse, wirkt allerdings insgesamt uninspiriert. Daran ändert auch die Lichtleiste unter der Windschutzscheibe nichts, die sich beim Einschalten des Fahrzeugs und bei der Kommunikation mit der Sprachsteuerung meldet und den Fahrer wohl an K.I.T. aus dem US-Serien-Hit „Knight Rider“ aus den 80ern erinnern soll. Als Designfauxpas empfinde ich die Taster zum Einschalten des Lichtes am Armaturenbrett. Vor allem wenn ein Fahrer den Wagen noch nicht gewohnt ist, muss er den Blick von der Straße nehmen, sich erst einmal damit beschäftigen. Nicht alles an bisherigen Autos ist schlecht, so möchte ich doch mal an dieser Stelle ein kleines Plädoyer für den guten alten Drehschalter halten.

Diesen hätte ich auch gern für die Bedienung des Radios und der Klimaanlage zurück. Denn das könnte verwirrender kaum sein. Zwar findet der Fahrer recht schnell die zwei Taster, mit denen er die Klimaautomatik kälter oder wärmer stellen kann. Wie sich das Gebläse bei den einzelnen Düsen hoch oder runter drehen lässt, blieb mir aber auf die Schnelle verborgen. Das ist vor allem für jene von Nachteil, die das Fahrzeug mal für einen Tag als Leihwagen übernehmen oder, noch schlimmer, vom Autohaus als Testwagen bekommen.

Und da sind wir schon bei meinem Hauptkritikpunkt: Das sogenannte User-Interface ist abgesehen von Lenkrad, Gas, Bremse, Blinker und Schaltung alles andere als intuitiv. Die Sprachsteuerung schaffte es nach mehrmaligem Versuch nicht, eine Navigation zu einer Straße in Düsseldorf zu starten, deren Name einfacher kaum sein könnte. Insgesamt bekommt der Fahrer den Eindruck vermittelt, dass deutsche Ingenieurkunst genau da endet, wo die Grenze zur digitalen Welt überschritten wird.

Insgesamt ist der ID.3 also ein unspektakuläres Fahrzeug, dessen Elektroantrieb in Sachen Sportlichkeit einem Verbrenner sicher überlegen ist. Allerdings bleibt zu hoffen, dass VW in den nächsten Monaten etwas mehr Schweiß in die Software zur Steuerung des Innenraums investiert, um die Funktionen für den Fahrer zugänglicher zu machen.

Volkswagens Antwort auf den Tesla Model Y

2. Jana Reiblein: Note: 3von 5 Sternen

Das Auto ist ein Hingucker. „Ist das der neue Golf? Der sieht aber schick aus!“, werde ich an einem Schnelladepark im Rheinland von einem Tesla-Fahrer begrüßt. Auffällig ist er, der ID.3 – dabei ist die mit Heckspoiler sportlich angehauchte schwarze Limousine aber nicht so betont anders wie etwa der BMW i3. Nette Spielerei: Das Ambient Light im Cockpit leuchtet grün beim Laden, bei laufender Navigation gibt es einen blauen Lichtfluss in Abbiegerichtung.

Im Innenraum der First Edition wird man von einem durchdringenden Plastikgeruch begrüßt, oder, wie der neugierig inspizierende Tesla-Fahrer sagt: „Puh, der riecht aber noch sehr neu“. Der schicke schwarze Hochglanz-Kunststoff der Mittelkonsole ist leider ein Fingerabdruck-Magnet. In den Ablagen zeigen sich nach rund 4000 Kilometern schon sehr deutliche Kratzspuren. Dafür haben selbst größere Mitfahrer im Fond deutlich mehr Platz als etwa im aktuellen Golf, die Rückbank ist bequem und die Lehne erstaunlich gut konturiert. Wermutstropfen aber auch hier die Materialien: Die kleinen Taschen an den Rücklehnen der Vordersitze wirken schon jetzt etwas ausgeleiert.

Im Infotainment-System hakt es noch gewaltig. Die erste Probefahrt hatte ich im Eco-Modus beendet. Als es etwa eine Stunde später zur zweiten Runde losgeht, wundere ich mich, warum das Gaspedal jetzt viel sensibler ist. Ein Blick aufs Display zeigt: Der ID.3 befindet sich plötzlich im Sportmodus. Mit einem Fingertipp kann ich wieder Umschalten.

Wenig später merke ich, was leider nicht mehr geht: Die Steuerung von Klimaanlage und Gebläse ist ausgegraut. Auch die Softtouch-Knöpfe des Infotainment-Systems funktionieren nicht mehr. Der Rest der Fahrt wird schweißtreibend: Die Heizung bollert auf 24 Grad hoch. Also: Ab an die Ladesäule, den Wagen eine Weile abgeschaltet stehen lassen – den Computer neustarten, quasi. Doch leider hilft auch das nicht, der ID.3 heizt weiter ein, im Display steht die Klimaanzeige beharrlich auf „Off“. Also Fenster auf und nach Hause. Nach dem längeren Abstellen über Nacht ist der Fehler am nächsten Morgen zum Glück verschwunden.

Der ID.3 ist mit einem Fahrassistenzsystem ausgerüstet, das Verkehrsschilder und somit die aktuell erlaubte Geschwindigkeit erkennt. Das gestaltet sich recht rigoros: Schon bei 1 km/h Geschwindigkeitsüberschreitung poppt jedes Mal eine Warnmeldung auf. Besonders nervig, als das System eine 30-Tonnen-Gewichtsbeschränkung auf meiner Strecke als 30-km/h-Begrenzung wertet. Zusätzlich mahnt der Wagen an, stets in der Mitte der Fahrbahn gehalten zu werden und greift sehr früh in die Lenkung ein, was ich in mehreren Situationen auf der Landstraße, als mir Lkw oder Traktoren entgegenkommen, als äußerst unangenehm empfinde. Theoretisch sollte man dies in den Softwareeinstellungen regulieren können – in unserem Testwagen war diese Funktion aber noch als „nicht verfügbar“ ausgegraut.

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