Folgen des Virus: Was das Coronavirus für Weltwirtschaft und die Finanzmärkte bedeutet

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Nervosität an den Aktienmärkten, Einbußen bei Konsum und Tourismus: Das Coronavirus droht, die Weltwirtschaft an vielen Stellen zugleich zu belasten. Der Überblick.

An den Finanzmärkten ist derzeit viel vom „Schwarzen Schwan“ die Rede. So bezeichnen Börsenexperten – in Anlehnung an ein Buch des Börsenhändlers Nassim Nicholas Taleb – Ereignisse mit weitreichenden Folgen, die ohne Vorwarnung eintreten. Das Coronavirus – jener noch weitgehend unerforschte Krankheitserreger aus China, der sich schlimmstenfalls auf der ganzen Welt verbreiten könnte – ist womöglich so ein Schwarzer Schwan. Es haben sich Tausende, vielleicht sogar Zehntausende Menschen infiziert, darunter mindestens ein Deutscher. Nun könnte das Virus, wenn es nicht rasch eingedämmt wird, auch zu einer ernsten Belastung für zwei riesige, eng verwobene Systeme werden: die Weltwirtschaft und die globalen Finanzmärkte.

Für eine seriöse Prognose, was das Coronavirus wirtschaftlich anrichten kann, ist es zwar noch zu früh. Die Sorge vor einer globalen Wachstumsdelle ist dennoch schon jetzt groß – wie sich an den internationalen Aktienmärkten zeigt: Innerhalb weniger Tage haben sich weltweit Börsenwerte in Höhe von Hunderten Milliarden Dollar in Luft aufgelöst.

Für die Nervosität der Anleger gibt es gute Gründe. Das Virus droht, die Weltwirtschaft an vielen Stellen gleichzeitig zu belasten – was enorme Geldströme umlenken könnte. Ein Überblick über die wichtigsten Effekte.

Chinas Wirtschaft

Für die chinesische Wirtschaft breitet sich das Coronavirus zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt aus. In dem 1,4-Milliarden-Menschen-Staat wird derzeit das chinesische Neujahr gefeiert. Die Woche, in der die Festivitäten stattfinden, gilt als die Zeit mit dem stärksten Binnenkonsum. Bürger besuchen dann besonders oft Restaurants, reisen zu ihren Familien, kaufen Geschenke. Im vergangenen Jahr gaben Chinesen in dieser Zeit umgerechnet 149 Milliarden Dollar aus.

Im laufenden Jahr ist alles anders: Restaurants bleiben geschlossen, der Verkehr steht teilweise still, öffentliche Veranstaltungen wurden abgesagt. Chinas Wirtschaftswachstum dürfte das hemmen – zumal das Land zusätzlich unter dem Handelskonflikt mit den USA leidet. Auch wenn der größte Streit gerade beigelegt wurde, gelten die meisten Strafzölle derzeit noch.

Wie beträchtlich der wirtschaftliche Schaden durch das Virus sein könnte, zeigt ein Vergleich zur bisher letzten großen Epidemie in China: Als das Land 2002 und 2003 unter dem Sars-Virus litt, brach das Bruttoinlandsprodukt laut Expertenschätzungen um ein bis zwei Prozent ein.

Die Delle hätte sogar noch größer ausfallen können, wenn die Regierung in Peking nicht mit allerlei Infrastrukturprojekten gegengesteuert hätte. Inwieweit dies auch im Falle einer länger anhaltenden Corona-Epidemie möglich wäre, lässt sich schwer einschätzen. Klar ist: Die öffentliche Verschuldung hat in China inzwischen ein recht hohes Maß erreicht. Die wirtschaftspolitische Widerstandskraft des Landes dürfte also tendenziell gesunken sein.

Globale Wirtschaft

Die Verfassung der chinesischen Wirtschaft ist für den Rest der Welt von zentraler ökonomischer Bedeutung. In den vergangenen Jahren hing im Schnitt ein Drittel des globalen Wachstums von der Volksrepublik ab. Ein plötzlicher Abschwung würde viele Branchen gleichzeitig treffen:

An den Rohstoffmärkten sind die Sorgen über eine chinesische Wachstumsdelle bereits spürbar. Die Ölpreise etwa sind deutlich unter 60 Dollar je Barrel (159 Liter) gefallen – weil erwartet wird, dass die Volksrepublik in einer wirtschaftlichen Schwächephase weniger Erdöl braucht. Das Ölkartell Opec erwägt nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters sogar schon, die Förderung bis zum Sommer auf einem niedrigeren Niveau zu halten als geplant, um einem Überangebot am Markt und einem daraus folgenden Preissturz entgegenzuwirken.

Andere Rohstoffe, die von China normalerweise stark nachgefragt werden, zum Beispiel Kupfer, Nickel oder Palmöl, haben sich in den vergangenen Tagen ebenfalls verbilligt – auch hier ist der zentrale Grund die Sorge vor einem Einbruch der Nachfrage.

Unter einer länger anhaltenden Schwächephase würden zudem Exporteure aus aller Welt leiden: Asiatische Hersteller von Computerchips oder Handy-Displays müssten ebenso Absatzeinbrüche hinnehmen wie deutsche Maschinenbauer oder osteuropäische Produzenten von Autoteilen.

Der internationale Tourismus müsste wohl ebenfalls Einbußen verkraften. Chinesische Touristen geben inzwischen rund 250 Milliarden Dollar pro Jahr im Ausland aus – mehr als US-amerikanische und deutsche Reisende zusammen. Sinkende Umsätze wären wohl auf der ganzen Welt spürbar, besonders aber in Ländern wie Japan, Südkorea oder Thailand, in die die meisten Chinesen reisen.

Auch in der Luftfahrt werden – in Analogie zum Sars-Virus – schwere Belastungen befürchtet. Der internationale Luftverkehrsverband IATA bezifferte den wirtschaftlichen Schaden im Jahr 2003 auf zehn Milliarden Dollar. Befürchtungen, dass sich die Geschichte wiederholt, sind offenbar schon jetzt groß: Die Aktie des Lufthansa-Konzerns verlor in der vergangenen Woche mehr als zehn Prozent an Wert – obwohl das Unternehmen nach eigenen Angaben bisher nur leichte Rückgänge bei Flugbuchungen von und nach China verzeichnete.

Auch Unternehmen der Luxusgüterbranche erlitten bereits Kursverluste – weil China ein wichtiger Wachstumsmarkt für sie ist. Zu den Verlierern gehörten unter anderem Branchenprimus LVMH, mehrere Schweizer Uhrenhersteller und die britische Modemarke Burberry.

Obendrein könnten Unternehmen in Schwierigkeiten geraten, die ihre Produkte ganz oder zum Teil in China fertigen lassen. Dem US-Konzern Apple zum Beispiel drohen laut einem Bericht der japanischen Wirtschaftszeitung Nikkei Verzögerungen bei der Produktion seiner iPhones.

Insgesamt könnte das Coronavirus die Weltwirtschaft zu einem kritischen Zeitpunkt treffen: Während die Sars-Epidemie in eine Phase fiel, in der sich die globale Konjunktur nach einer längeren Durststrecke gerade wieder zu erholen begann, tritt die Corona-Epidemie zu einem Zeitpunkt auf, an dem eine historisch lange Boomphase langsam dem Ende zugeht.

Globale Finanzmärkte

An den globalen Finanzmärkten ist die Stimmung deshalb nervös: Anleger stießen in den vergangenen Tagen nicht nur Aktien von Unternehmen ab, die von einer länger anhaltenden Schwächephase direkt getroffen würden. Es wurden auch allerlei andere Anlageformen verkauft, vor allem jene, die derzeit als eher hoch bewertet gelten.

Für die Verunsicherung der Anleger gibt es durchaus triftige Gründe. Die statistischen Angaben der chinesischen Regierung waren in der Vergangenheit oft nicht glaubwürdig. Immer wieder wurde den Behörden in Peking vorgeworfen, Kennzahlen zum Wirtschaftswachstum oder zur Anzahl von in Arbeitslagern inhaftierten Bürgern zu manipulieren. Die Vorwürfe konnten nie restlos belegt werden – aber eben auch nicht restlos entkräftet.

Entsprechend kursieren auch zur Frage, wie viele Menschen sich bislang mit dem Coronavirus infiziert haben, ganz unterschiedliche Zahlen. Während die chinesische Regierung von knapp 5000 nachgewiesenen Fällen spricht, gehen andere, bislang unbestätigte Schätzungen von bis zu 100.000 Infektionen aus. Wie seriös solche Angaben sind, lässt sich schwer prüfen. Klar ist: Solange nicht glaubwürdig feststeht, wie verbreitet und wie gefährlich der neue Erreger wirklich ist, droht den Finanzmärkten eine unruhige Zeit.

Die rasche Verbreitung des Coronavirus verdeutlicht zudem ganz allgemein, wie anfällig die globale Industriegesellschaft für Epidemien oder Pandemien ist. Was einmal passiert, kann immer wieder passieren, so die Sorge. Selbst wenn dieses Mal alles gut geht: Die Furcht vor dem nächsten „Schwarzen Schwan“ dürfte den Finanzmärkten noch eine Weile erhalten bleiben.

Andererseits kann es an den Börsen auch rasch wieder bergauf gehen, wenn die Gesundheitsbehörden Entwarnung geben. Das zumindest zeigt die Erfahrung mit bisherigen Epidemien: So verloren die US-Börsen zu Zeiten von Sars rund 15 Prozent an Wert – machten diese Verluste aber nach dem offiziellen Ende der Epidemie binnen weniger Monate wieder wett.

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