Corona-Aerosole in der Gastronomie: Wer im Herbst und Winter ins Restaurant will, sollte sich sehr warm anziehen

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Corona-Aerosole in der Gastronomie Wer im Herbst und Winter ins Restaurant will, sollte sich sehr warm anziehen

Der Gastronomiebranche fehlt ein Konzept, wie sie künftig mit der Gefahr umgehen soll, dass mit dem Coronavirus belastete Aerosole reihenweise Gäste infizieren. Experten raten, das Geschäft auch bei rauem Wetter nach draußen zu verlagern.

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Ein milder Herbst könnte das Problem noch aufschieben, irgendwann aber wird es so weit sein: Wenn die Tage kürzer werden und die Temperaturen niedriger, dann verlagert sich auch der Restaurantbetrieb wieder nach drinnen. Vielen Gastronomen graust es davor längst: Fehlt doch der Branche ein echtes Konzept, wie sie mit den gefährlichen Aerosolen umgeben soll – jenen Mikrotröpfchen, die wir alle beim Atmen und Sprechen ausstoßen. Diese Tröpfchen halten sich in schlecht belüfteten Gastronomieräumen viele Stunden in der Luft. Stammen sie von einem mit dem Coronavirus infizierten Gast, können sie im schlimmsten Fall Dutzende andere Gäste anstecken. Geschieht so etwas oft genug, droht der Branche erneut der komplette Lockdown.

Absehbar ist schon heute: Wer im Herbst und Winter ein Restaurant besuchen will, sollte sich sehr sehr warm anziehen. Denn Martin Kriegel, Deutschlands führender Belüftungsexperte und Leiter des auf Energie- und Lüftungstechnik spezialisierten Hermann-Rietschel-Instituts an der TU Berlin sieht für die Gastronomen vor allem zwei Auswege, um die Aerosolgefahr zu reduzieren: Restaurants, die keine moderne Belüftungsanlage besitzen, müssen exzessiv lüften, gegebenenfalls zusätzlich Luftfilter einsetzen. Und sie sollten jene Außenflächen, die im Sommer so beliebt sind, auch im Herbst und Winter ausgiebig nutzen, um die Gäste zu bewirten.

Um sich vorzustellen, wie sich Aerosole im Restaurant verbreiten, so erklärt es der Wissenschaftler, möge man sich an jene Zeit erinnern, als in Restaurants noch geraucht werden durfte. Der Qualm zog irgendwann in jede Ecke, verbreitete sich durch den ganzen Raum, kroch gar in die Kleidung. Genauso verhalten sich Aerosole, in denen Coronaviren stecken. „Besonders kritisch sind hier Räume, die nur durch die Fenster belüftet werden“, sagt Kriegel.

Moderne Lüftungstechnik in einem alten fenstergelüfteten Restaurant nachzurüsten, hält Kriegel für kaum realistisch. Das sei häufig baulich nicht möglich oder mit immensen Kosten verbunden. Dafür müssten etwa Rohre an der Decke verlegt werden, die gebrauchte Luft abtransportieren, und solche, die frische Luft in den Raum bringen. Das mal eben so zu erledigen, taugt als Universallösung nicht. 

Für solche Räume empfiehlt Kriegel vielmehr das, was er auch für Büroräume rät: CO2-Messgeräte einzusetzen. Das sind einfaches Geräte, die nicht viel mehr kosten als ein Hauptgericht in der gehobenen Gastronomie. Da sich ausgeatmetes CO2 ähnlich ausbreitet wie Aerosole, seien solche Messwerte ein guter Anhaltspunkt dafür, wie hoch die Konzentration der Aerosole ist. Und es gebe gerade in verwinkelten Räumen sehr große Unterschiede in der Aerosolkonzentration – nicht selten von 200 Prozent.

Die Geräte zur Pflichtausstattung für Restaurant zu machen, wäre laut Kriegel der letzte Schritt. Er hofft auf die Einsicht der Wirte. „Die Betreiber sollten diese schon aus Eigeninteresse einsetzen“, sagt der Wissenschaftler. 

Wo die Grenze zu einer gefährlich hohen Konzentration liegt, darüber vermag momentan niemand eine Aussage zu treffen. Virologen wissen schlicht noch nicht, wie viele Coronaviren notwendig sind, um eine Erkrankung auszulösen. 

Klar ist allerdings, wenn der Anteil von CO2 im Raum steigt, sollten die Wirte die Fenster weit aufreißen. Und zwar mindestens alle 20 Minuten, für mehrere Minuten. Nur so könne belastete Luft ausreichend gegen frische ausgetauscht werden. Die Sensoren seien dabei wichtig, weil Menschen sich von kalter Luft täuschen lassen. Nur weil es kalt im Raum wird, heißt das dem Wissenschaftler zufolge noch nicht, dass auch die alte Luft ausreichend ersetzt wurde. 

Ergänzend könnten die Restaurants Umluftfilteranlagen einsetzen. Die verringern zwar nicht die CO2-Konzentration, aber die Aerosole im Raum. Dabei ist Kriegel zufolge vor allem die Leistungsfähigkeit, die Anzahl und die Positionierung im Raum relevant. Null Aerosolkonzentration und damit Null-Risiko wird es aber auch damit nicht geben.

Die weitaus sicherere Lösung wäre es deshalb, da sind sich die Experten weitgehend einig, Gäste auch im Herbst und Winter im Freien zu bewirten. „Jeder Restaurantbetreiber, der Außenflächen oder Terrassen hat, konnte sich in den letzten Wochen glücklich schätzen“, sagt Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes. Nun hoffe ihre Branche auf einen goldenen September und Oktober. Damit aber auch im November, Dezember und Januar die Außenflächen nutzbar bleiben, fordert sie, dass Kommunen ihre großzügige Politik beibehalten und Außenflächen genehmigen und ebenso den Gastronomen „die Möglichkeit geben, offene Zelte und Windschutz aufzustellen“. Es müsse alles getan werden, um die Außensaison zu verlängern. 

Auch hier verweist Lüftungsexperte Kriegel auf die Analogie zum Zigarettenrauch. Selbst wenn jemand im Freien mal eine Rauchfahne von jemand anderes abbekommt, sei die nach einem Moment verschwunden – ganz anders als im Innenraum. Im Freien verdünne sich das Aerosol rasend schnell, weil es hier eine sehr viel größere Luftbewegung gibt. 

Um die Bewirtung im Freien so lange wie möglich erträglich zu machen, könnten Heizstrahler und Heizpilze eine Renaissance erleben. Dort wo die verboten sind, fordert Hartges Verband, sollten sie während der Pandemie übergangsweise wieder erlaubt werden. Die Stadtverwaltung in Tübingen hat bereits ein Entgegenkommen signalisiert, auch die Berliner CDU fordert eine Lockerung des dort geltenden Verbots.

Einen positiven Effekt könnte die Coronapandemie für die Gastwirte am Ende dann doch noch haben: Bei so viel kalter Luft dürfte der  Verkauf von heißer Schokolade und Glühwein deutlich anziehen. 

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