Commerzbank: Die drei Fragezeichen des Hans-Jörg Vetter

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Commerzbank Die drei Fragezeichen des Hans-Jörg Vetter

Der neue Aufsichtsratschef der Commerzbank soll deren Sanierung vorantreiben – und muss dafür schon bald grundlegende Entscheidungen treffen.

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Mit seinen stets perfekt platzierten Einstecktüchern und der dauerglimmenden Pfeife wirkte Hans-Jörg Vetter schon als Chef der Landesbank Baden-Württemberg wie ein etwas aus der Zeit gefallener Banker alter Schule. 2009 war er dort als Sanierer des von der Finanzkrise schwer gebeutelten Instituts angetreten. Seine Dienste waren den Eigentümern sogar eine Ausnahme von der damals über staatlich gestützte Banken verhängten Gehaltsgrenze von 500.000 Euro wert.

Als sich Vetter 2016 nach halbwegs geglückter Mission verabschiedete, schien seine Berufslaufbahn im Wesentlichen beendet zu sein. Nun aber soll der 68-Jährige als Aufsichtsratschef der Commerzbank abermals die Sanierung eines angeschlagenen Finanzkonzerns begleiten – und dafür Antworten auf dringende Fragen finden. Bei der Sitzung des Gremiums an diesem Donnerstag wird es wohl noch keine Antworten geben – aber bald.

Wer wird der neue Chef?

Über viele Jahre hat die Bank an der Spitze auf personelle Kontinuität gesetzt. Seit einer sommerlichen Attacke des Großaktionärs Cerberus ist alles anders. Nach heftigen Vorwürfen des Investors ergriff neben Vetters Vorgänger Stefan Schmittmann auch Vorstandschef Martin Zielke die Flucht. Er wird nur noch maximal bis zum Jahresende im Amt bleiben – wenn nicht schon vorher ein Nachfolger gefunden ist.

Das ist so gut wie sicher. Denn ohne einen Mann oder eine Frau auf dem Chefposten stockt der Umbau des Instituts. Dass eine Personalberaterin eingeschaltet ist, spricht dafür, dass neben den von Anfang an genannten internen Lösungen Roland Boekhout und Bettina Orlopp externe Kandidaten realistische Chancen auf den Job hätten. Das bietet Raum auch für wenig fundierte Spekulationen. So werden mit Rainer Neske, Frank Strauss und Manfred Knof zwei frühere sowie der aktuelle Privatkundenchef der Deutschen Bank als Kandidaten genannt. Sonderlich wahrscheinlich sind diese Namen nicht. Zwar läuft Neskes Vertrag als Chef der LBBW im kommenden Jahr aus. Beobachtern fallen jedoch kaum Gründe für einen Wechsel von Stuttgart nach Frankfurt ein – abgesehen von der Tatsache, dass Neske privat am Main wohnt.

Für viele Kandidaten dürfte der Job nur bedingt attraktiv sein. Wenn ein ebenfalls als möglicher Zielke-Nachfolger gehandelter Kandidat prophylaktisch mit dem Hinweis ablehnt, dass bei der Commerzbank in den vergangenen 20 Jahren nichts passiert sei, ist das zwar reichlich unfair. Es ändert aber nichts daran, dass die neue Spitzenkraft eine harte Restrukturierung mit ungewissem Ausgang erwartet. Der Abbau mindestens einer hohen vierstelligen Zahl von Jobs etwa gilt als unvermeidbar.

Und dann funkt neben Cerberus vermutlich auch noch der in der Not zu neuem Selbstbewusstsein erwachte Großaktionär Bund hinein. In welche Richtung Berlin die Geschehnisse vor der Bundestagswahl lenken will, ist ebenso unklar wie deren mittelfristige Perspektiven. Viele Beobachter meinen, dass es ohnehin nur darum gehen kann, das Institut zu einem einigermaßen lohnenden Übernahmeziel zu machen. Da die Commerzbank in jeder möglichen Fusion wohl nur Juniorpartner wäre, ginge spätestens damit dann auch die Amtszeit ihres Chefs zu Ende.

Wie riskant ist das Firmenkundengeschäft?

In der Vor-Zielke-Zeit bildete der deutsche Mittelstand nicht nur das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, sondern auch des Geschäftsmodells der Commerzbank. Unter dem früheren Privatkundenchef war das anders. Zielke löste die vorher von einem eigenen Vorstand geführte Mittelstandsbank auf und verteilte deren Kunden zwischen dem Privatkundengeschäft und der zuvor für große Firmenkunden reservierten Investmentbank. Davon erhoffte er sich eine bessere Betreuung – wirklich messbare Effekte blieben jedoch aus. Zudem gab er damit ein zentrales Marketinginstrument aus der Hand. Während sich die Deutsche Bank seit einiger Zeit mit ihrer Unternehmerbank mit Verve an die heimische Klientel heranschmeißt, ist diese bei der Commerzbank nun formal etwas heimatlos.

Möglicherweise wird diese Kehrtwende in absehbarer Zeit rückgängig gemacht. Denn das Geschäft mit Firmenkunden bildet weiterhin das Herzstück des Konzerns. Bei einer coronabedingten Pleitewelle könnte das zum Problem werden. Nach jüngsten Angaben hat die Bank Unternehmen aus besonders betroffenen Branchen wie Luftfahrt und Hotelgewerbe zwar nur mit gut vier Milliarden Euro finanziert. Schon in den vergangenen zwei Quartalen drückten mögliche Kreditausfälle das Ergebnis in dem Segment. Besonders schwer wog dabei ein Großkredit an den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard.

Das mag ein bedauerlicher Einzelfall sein – oder ein Indiz dafür, dass die Bank bei der Kreditvergabe nicht ganz so genau hingeschaut hat. Konkurrenten behaupten das seit Jahren, die Bank selbst hat das stets vehement bestritten.

Was passiert im Privatkundengeschäft?

Auch im Privatkundengeschäft ist die Unruhe groß. Das jüngste Indiz dafür: Der gerade verkündete Abschied von Frauke Hegemann, die Noch-Chefin der Direktbank Comdirect. Die Commerzbank hatte viele Jahre die Aktienmehrheit der Comdirect besessen und sich vor wenigen Monaten entschlossen, das Digitalinstitut komplett aufzukaufen und in die Commerzbank zu integrieren.

Hegemann sollte eine wichtige Rolle bei der Verschmelzung spielen, wird sie doch von vielen geschätzt. Stattdessen muss die Commerzbank jetzt die Frage beantworten, warum sie ein Talent nicht halten konnte – und ob Hegemann nur ein Beispiel dafür ist, dass zu viele wichtige Mitarbeiter die Bank verlassen.

Hegemanns Abgang führt noch zu einem weiteren, noch viel entscheidenderen Problem: Es geht darum, welche Strategie das Institut im Privatkundengeschäft verfolgen möchte. Das war lange Zeit klar: Die Commerzbank setzte unter ihrem Privatkundenvorstand Michael Mandel (Spitzname „Magic Mandel“) auf massives Kundenwachstum in der Hoffnung, dass sich das eines Tages auszahlen würde – allerspätestens mit dem Ende der Niedrigzinsphase, auf die die Frankfurter lange gehofft hatten. Zudem hielten Mandel und Co. an ihren 1.000 Filialen fest. Allein: Die Strategie hat nicht verfangen.

Das operative Ergebnis etwa betrug 2016 noch fast 1,1 Milliarden Euro, während es 2019 nur noch 850 Millionen wären – obwohl die Erträge im selben Zeitraum sogar stiegen. Inzwischen ist Mandel deshalb massiv unter Druck geraten: So hatte die Gewerkschaft Verdi bereits im Juli in der WirtschaftsWoche gefordert, Mandels Vorstandskollege Roland Boekhout solle auch noch das Privatkundengeschäft übernehmen – womit Verdi klargemacht hatte, dass Mandel nicht mehr der richtige ist.
Ein wichtiger Commerzbank-Investor sah das damals ähnlich und hatte gar den Aufsichtsrat aufgefordert, über Mandels Kündigung nachzudenken. Inzwischen ist die Wehklage des Investors offenbar erhört worden, laut „Börsen-Zeitung“ denkt der neue Aufsichtsratschef Vetter darüber nach, Mandel abzulösen – und durch Boekhout zu ersetzen.

Mit Mandels Abgang wären aber noch nicht die Probleme gelöst. Der MDax-Konzern muss überlegen, wie viele Filialen er künftig noch behalten will, um die Kosten zu senken. So war erst die Rede davon, dass 500 bis 600 Zweigstellen schließen soll, mittlerweile sind gar 800 Filialen im Gespräch. Zusätzlich muss die Commerzbank überlegen, ob und welche Rolle die Comdirect spielen soll – und wie sie die Digitalbank oder deren Überbleibsel mit ihren klassischen Angeboten verzahnt. Bislang ist das noch nicht so richtig klar.

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