Börsengang Siemens Energy: Die wichtigsten Baustellen des Herrn Bruch

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Börsengang Siemens Energy Die wichtigsten Baustellen des Herrn Bruch

Die Energiesparte von Siemens geht am Montag als eigenständiges Unternehmen an die Börse. Dabei gilt besonders das Geschäft mit der fossilen Energieerzeugung als margenschwach. Soll Siemens Energy ein Erfolg werden, muss CEO Christian Bruch dringend liefern – und zwar in mehreren akuten Bereichen.

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Wenn Montagmorgen die Glocke an der Börse Frankfurt läutet, wird damit das einstige Kerngeschäft von Siemens in die Selbständigkeit entlassen: Das Energiegeschäft des Münchener Technologiekonzerns wird dann als Siemens Energy an der Börse notiert sein. Rund 90.000 Mitarbeiter und ein Umsatz von annähernd 30 Milliarden Euro verlassen mit Siemens Energy den Mutterkonzern. Dabei gelten große Teile vor allem des fossilen Energiegeschäfts von Siemens Energy als schwerfällig und margenschwach. Erst Anfang September kündigte Siemens Energy CEO Christian Bruch weitere Einsparungen für den neuen Konzern an. Um Siemens Energy zum Erfolg zu führen, muss Bruch vor allem folgende Baustellen dringend bearbeiten:

Orientierung für Mitarbeiter

Die rund 90.000 Mitarbeiter von Siemens Energy müssen wissen, woran sie sind. Hier hat Bruch zuletzt gepatzt. Freihändig sprach er am Capital Market Day des neuen Konzerns Anfang September von Kündigungen und möglichen Standortschließungen. 300 Millionen Euro müsse Siemens Energy einsparen. Dabei läuft ohnehin bereits ein Sparprogramm, das die Kosten des Konzerns bis 2023 um eine Milliarde Euro senken soll.

Bei der Arbeitnehmerseite kam Bruchs Vorstoß nicht gut an. Bruch musste sich nach dem Capital Market Day internen Gesprächen stellen. Die Arbeitnehmerseite warf ihm vor, mit seinem nicht abgesprochenen Vorpreschen gegen die lange gelebte Kultur von Siemens verstoßen zu haben. Inzwischen sollen sich die Wogen geglättet haben.

Trotz aller Kritik wies Bruch mit seinem Vorpreschen allerdings auf echte Probleme der Energiesparte hin. Die langen Wege mancher Produkte zwischen den einzelnen Werken, wo etwa Turbinen in der Fertigung zwischen Europa und den USA pendeln, bezeichnete Bruch als „Produkttourismus“. Damit hat er ein geflügeltes Wort geschaffen, dass seitdem auf den Fluren von Siemens Energy kursiert.

Selbst die Arbeitnehmerseite räumt ein, dass die Kritik an diesem Produkttourismus durchaus berechtig ist. Denn auch Betriebsräte wissen, dass Siemens Energy ohne mehr Effizienz und Einsparungen nicht überlebensfähig sein wird. Die Mitarbeiter per medialer Ankündigung von Einsparungen zu überraschen, sollte Bruch unterlassen. Die Mitarbeiter von Siemens Energy haben das Recht auf ein transparentes Management. Bruch sollte interne Überzeugungsarbeit leisten, indem er einen klaren Kurs für Wachstum und Einsparungen vorlegt.

Fortschritte bei der Wasserstoff-Technologie

Die Zukunftstechnologie Wasserstoff kämpft bereits schon im Vorfeld ihres Durchbruchs mit einem ungewünschten Aggregatzustand: warmer Luft. So überschlagen sich Konzerne weltweit mit Ankündigungen zur CO2-Einsparung mittels Wasserstoff, ohne freilich konkrete Produkte oder auch nur Zielmarken nennen zu können. Auch am Siemens-Energy-Standort Görlitz in Sachsen, der immer wieder in Zusammenhang mit der Zukunftstechnologie genannt wird, sucht man noch vergebens nach technischen Einrichtungen zur Wasserstoff-Forschung.

Christian Bruch hat in diesem Bereich jedoch ein Trumpf in der Hand, der durchaus als selten bezeichnet werden kann: Erfahrung mit der Wasserstoff-Technologie. Bei Linde reifte er als Manager mit dieser Technologie. Auch wegen dieser Erfahrung ist Bruch Mitglied im nationalen Wasserstoff-Rat.

Statt Blendwerk operiert Bruch mit klaren Zielmarken. „Vor 2025 wird kein Unternehmen mit Wasserstoff Geld verdienen“, sagte Bruch unlängst der WirtschaftsWoche. Ob Siemens Energy es bis dahin schafft, aus Wasserstoff mehr als eine Ankündigung zu machen, daran wird Bruch sich messen lassen müssen.

Siemens Gamesa fit machen

Die grüne Hoffnung von Siemens Energy ist der Windturbinenkonzern Siemens Gamesa, an dem das neue Unternehmen 67 Prozent der Anteile hält. Die Windkraft von Gamesa soll nicht nur Wachstumsmärkte ins Portfolio von Siemens Energy holen, sondern auch das Image des fossilen Geschäfts des Konzerns überlagern und aufbessern.

Doch gerade diese Prestige-Beteiligung von Siemens Energy krankt seit Jahren an schlechtem Management. Christian Bruch ist diese Baustelle schnell angegangen: Im Juni machte der bisherige Gamesa-CEO Markus Tacke seinen Platz für Andreas Nauen frei.

Abgeschlossen ist die Neuausrichtung von Gamesa damit noch nicht. Der neue CEO muss Gamesa im schwierigen Projektgeschäft wieder auf Wachstum führen. Und er muss eine Antwort auf die neuen Wettbewerber finden, die nach Europa drängen: etwa das Unternehmen Goldwind aus China. Für Gamesa gilt es, wichtige Markanteile zu halten ohne dabei in Angststarre vor der staatlich subventionierten Konkurrenz aus China zu verfallen. Wie sich diese anfühlt, bekam im vergangenen Jahr die Bahnsparte von Siemens zu spüren. Als der chinesische Bahnkonzern CRRC ein Lokomotivwerk von Vossloh in Kiel übernahm, saß der Schock der Siemensianer über das Vorrücken der Konkurrenz tief.

Glaubwürdige Kohlereduktion

Stell dir vor, es ist eine Klima-Demonstration und nach der ersten Covid-19-Starre gehen wieder alle dorthin. Für Christian Bruch und die Belegschaft von Siemens Energy sind die neu aufflammenden Proteste der Fridays-for-Future-Bewegung keine gute Nachricht. Bereits Anfang des Jahres stand Siemens im Sturm der Entrüstung der Klimaaktivisten, weil der Konzern eine Signalanlage zum Bau einer australischen Kohlemine beisteuerte. Verglichen mit so mancher CO2-fördernder Technik im Portfolio von Siemens Energy, dürfte die Signalanlage für Australien noch vergleichsweise harmlos gewesen sein.

Schwerer als die Technik an sich dürfte im Clinch mit dem Klimaschützern jedoch die Personalie Joe Kaeser auf Siemens Energy lasten. Nach dem Showdown des Siemens-Chefs mit der Fridays-for-Future-Bewegung und seinem unglücklichen Angebot an deren Vertreterin Luisa Neubauer, der Kaeser den Sitz in einem Kontrollgremium von Siemens Energy angeboten hat, gilt Kaeser als Reizfigur für die Demonstranten.

Vera Diehl, Fondsmanagerin bei Union Investment nannte die Wahl Kaesers zum Aufsichtsratschef von Siemens Energy daher folgerichtig eine „Hypothek“ für den neuen Konzern. Bruch wird gut daran tun, sich selbst als das neue Gesicht von Siemens Energy hervorzutun – und die Definitionsmacht nicht Joe Kaeser zu überlassen.

Abstand zu Joe Kaeser gewinnen

Löst Bruch die vorangestellten Probleme nicht umgehend, gesellt sich automatisch ein weiteres Problem hinzu: Druck von Joe Kaeser. So wird die Performance von Siemens Energy maßgeblich darüber entscheiden, wie das Erbe von Joe Kaeser in Zukunft wahrgenommen wird. Denn es war die Entscheidung von Kaeser, mit Siemens Energy mit dem Energiegeschäft die eigentliche DNA von Siemens aus dem Konzern zu schneiden und an die Börse zu führen. Scheitert das ehrgeizige Projekt, wäre das für Kaeser der ultimative Imageschaden.

Es ist anzunehmen, dass Aufsichtsratschef Kaeser nicht lange zusehen wird, sollte Siemens Energy nicht rasch auf den Wachstumspfad finden. Wie radikal Kaeser durchgreifen kann, zeigte er bereits an Bruch-Vorgänger Michael Sen. Der wagte es, andere Vorstellungen über Siemens Energy zu entwickeln als Kaeser. Im Frühjahr bekam er dafür die Quittung, indem er seinen Platz für Bruch freimachen musste. Christian Bruch wäre gut beraten, diese Episode nicht zu vergessen.

Mehr zum Thema: Siemens-Energy-CEO Christian Bruch im Interview.

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