Börse für Einsteiger – Teil 2: Der mächtige Zinseszinseffekt – und sein gefährlicher Gegenspieler

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Börse für Einsteiger – Teil 2 Der mächtige Zinseszinseffekt – und sein gefährlicher Gegenspieler

Wer langfristig ein Vermögen aufbauen will, kann auf den Zinseszinseffekt zählen. Der kann aber auch nach hinten losgehen: Gebühren schmälern den Ertrag doppelt: Weil sie das Kapital verringern und gleichzeitig über die Jahre weniger Kapital dann auch weniger Ertrag bringt.

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Entscheidender Faktor beim Investieren ist die Zeit. Das liegt vor allem am Zinseszinseffekt. Er steht dafür, dass nicht nur Dein Ausgangskapital für Dich arbeitet und Dein Vermögen mehrt, indem es Zinsen, Dividenden oder Kursgewinne abwirft, sondern dass auch die erwirtschafteten Zinsen, Dividenden und Kursgewinne für Dich arbeiten und ihrerseits Zinsen, Dividenden und Kursgewinne für Dich erwirtschaften.

Diese an sich banale Erkenntnis hat enorme Auswirkung auf den Aufbau Deines Vermögens. Sie wird von vielen erfolgreichen Investoren als der größte Augenöffner beim Investieren genannt.

Lass mich das an einem einfachen Beispiel verdeutlichen.

Beispielrechnung Zinseszinseffekt

Nimm an, dass Du 100 Euro Ausgangskapital hast und dass Deine Investition jährlich einen Ertrag in Höhe von zehn Prozent abwirft. Das kann eine Anleihe sein, die mit zehn Prozent verzinst wird, eine Aktie, die jedes Jahr zehn Prozent Dividende ausschüttet, oder eine Aktie, deren Kurs jedes Jahr um zehn Prozent steigt. Das spielt für die Veranschaulichung des Zinseszinseffekts keine Rolle. Ebenso wenig, dass zehn Prozent eine sehr stattliche Rendite sind, die über einen längeren Zeitraum nur schwer zu erzielen ist. Mit zehn lässt sich aber nun einmal gut rechnen. Schließlich sollen zur Verdeutlichung des Zinseszinseffekts Steuern außen vorgelassen werden. Auf die komme ich später zu sprechen.

Das Ganze sieht dann wie folgt aus:

ZeitAusgangsbetragJährlicher Ertrag in
Höhe von 10 % p.a
Jahr 1€100€10
Jahr€110€11
Jahr€121€12,10
Jahr€133,10€13,31
Jahr€146,41€14,64
Jahr€161,05€16,11
Jahr€177,16€17,72
Jahr€194,88€19,49
Jahr€214,37€21,44
Jahr€235,81€23,58

Erste wichtige Erkenntnis: Nach zehn Jahren hast Du nicht etwa Deine 100 Euro Ausgangskapital plus 10x 10 Euro (nämlich jedes Jahr zehn Prozent auf die 100 Euro) und damit in der Summe 200 Euro, sondern 259,39 Euro (235,81 Euro + 23,58 Euro). Die Differenz in Höhe von 59,39 Euro ist einzig darauf zurückzuführen, dass Du Deine jährlichen Erträge jedes Jahr wieder investiert hast (Voraussetzung ist natürlich, dass auch diese reinvestierten Erträge jedes Jahr wieder zehn Prozent erwirtschaften).

Zweite wichtige Erkenntnis: Im zehnten Jahr erwirtschaftest Du – auf Dein Ausgangskapital bezogen – bereits 23,58 Euro, also 23,58 Prozent!

Dritte wichtige Erkenntnis: Lass Dich nicht von den geringen Beträgen im Beispiel in die Irre führen. Stell Dir einfach vor, Dein Ausgangskapital wären nicht 100 Euro, sondern 100.000 Euro gewesen. Die 59.390 Euro, die dem Zinseszinseffekt geschuldet sind (siehe oben), klingen schon besser, oder?

Vierte wichtige Erkenntnis: Es ist wichtig, früh mit dem Investieren anzufangen und die Erträge immer wieder neu anzulegen. Nur so kannst Du den Zinseszinseffekt richtig für Deinen Vermögensaufbau ausspielen. Dein Vermögen wächst aufgrund des Zinseszinseffekts exponentiell. Je länger Du dabei bist, desto besser.

Mit anderen Worten: Der vielleicht wichtigste Erfolgsfaktor beim Investieren ist die Zeit, die Du mitbringst!

Gebühren, Gebühren, Gebühren – Spiegelbild zum Zinseszinseffekt

Für Deine Investitionen brauchst Du eine Bank, die Deine Transaktionen für Dich ausführt, Deine Wertpapiere für Dich verwahrt, Dir Steuerbescheinigungen erstellt usw. Falls Du einen Fonds kaufst, muss dieser verwaltet, müssen regulatorische Anforderungen erfüllt werden und vieles mehr.

Kurzum: Für Deine Investitionen bist Du auf Dienstleistungen Dritter (meist Banken) angewiesen. Und die nehmen dafür Geld. So ist das Leben. Wichtig ist aber die Erkenntnis, dass die Höhe der Kosten und Gebühren sich unmittelbar auf Deinen langfristigen Investmenterfolg auswirkt.

Auch für die Kosten und Gebühren gilt nämlich das Zinseszinsprinzip, nur eben mit anderen Vorzeichen. Der Betrag, der von Deinem Ausgangskapital oder Deinen Erträgen für Kosten und Gebühren draufgeht, ist nicht nur weg, sondern schmälert Deine Vermögensmasse unwiederbringlich und kann nicht für Dich arbeiten. Er ist damit das Spiegelbild zum Zinseszins. Aus diesem Grund machen über die Zeit auch schon kleine Gebührendifferenzen einen großen Unterschied für Deinen Investmenterfolg. Sei deshalb knauserig.

Wenn Du beispielsweise 1,5 Prozent Gebühren für einen Investmentfonds bezahlst (was für einen aktiv gemanagten Aktienfonds, wie ihn Dir Deine Hausbank anbietet, durchaus üblich ist), mag das zunächst nicht weltbewegend erscheinen. Ist Dir aber klar, dass Du in diesem Fall bei einer (für einen Aktienfonds realistischen) Rendite von sechs Prozent nach zehn Jahren (wegen des Zinseszinseffekts mehr) als ein Viertel Deines Ertrags für Kosten und Gebühren ausgegeben hast? Oder anders gesagt, dass Du 25 Prozent mehr Geld verdient hättest, wenn Du einen günstigen ETF oder Indexfonds (zu den Begriffen später) mit einer Gebühr von 0,1 Prozent gewählt hättest? Dies setzt natürlich voraus, dass der aktiv gemanagte Fonds nicht in der Lage war, den ETF oder Indexfonds zu schlagen. Auch dazu später mehr.

Das Problem mit Kosten und Gebühren ist, dass Dich kein Bank-, Versicherungs- oder anderer Berater auf die Auswirkungen der Kosten und Gebühren deutlich hinweisen wird. Die Berater leben nämlich von Kosten und Gebühren. So bekommt Deine Bank beziehungsweise Dein Versicherungsvertreter oder sonstiger Anlageberater bei Fonds den gesamten Ausgabeaufschlag (in der Regel fünf Prozent Deines Ausgangsbetrags – ¬solltest Du nie zahlen!!!) und dann noch jedes Jahr eine Bestandsgebühr („Kick-backs“) in Höhe der Hälfte der Verwaltungsgebühr (also bei einem Fonds mit einer Verwaltungsgebühr von 1,5 Prozent jedes Jahr noch einmal 0,75 Prozent des Anlagevolumens oben drauf).

Da ist doch klar, dass Dein „Berater“ oder besser Verkäufer schwach wird und Dir einen teuren Fonds und nicht einen günstigen ETF oder Indexfonds empfiehlt, selbst wenn er nicht davon überzeugt ist, dass sich der teurere Fonds besser schlagen wird.

Die Bank muss sagen, was Du an Gebühren zahlst

Meiner Ansicht nach sollten die jährlichen Gebühren für Deine Investitionen alles in allem nicht mehr als 0,5 Prozent Deines Depotwerts (also des Wertes aller Deiner Anlagen zusammen) ausmachen. Wenn Du mehr bezahlst, zahlst Du zu viel und solltest prüfen, ob Deine Fonds zu teuer oder die Transaktionskosten bei Deiner Bank zu hoch sind. Eine Depotgebühr solltest Du ohnehin nicht bezahlen.

Wie aber siehst Du, wie viel Du an Kosten und Gebühren bezahlst? Hier hat Dir der Gesetzgeber geholfen. Seit 2018 müssen Banken und andere Finanzdienstleister Dir einmal im Jahr einen sogenannten ex-post Kostenausweis zur Verfügung stellen. Darin ist sowohl der Gesamtbetrag aller Kosten und Gebühren als auch eine Aufschlüsselung auf die einzelnen Posten enthalten. Am Gesamtbetrag erkennst Du schnell, ob Du zu viel bezahlst. Anhand der Aufschlüsselung kannst Du sehen, woran es liegt. Außerdem zeigt sie Dir besonders teure Produkte auf, deren Austausch die Gebühren weiter senken kann.

Besonders interessant ist übrigens die Information, wie viel Deine Bank an Dir verdient. Der ex-post Kostenausweis muss auch diese Information enthalten. Neben den Transaktionsprovisionen, Depotgebühren (hoffentlich keine!) und Ausgabeaufschlägen siehst Du für jedes Produkt die Bestandsprovision („Kick-backs“), die Deine Bank jährlich dafür erhält, dass sie Dir das Produkt einmal vermittelt hat.

Diese Information finde ich zum einen besonders interessant, weil Du siehst, wie viel Du Deiner Bank jährlich für ihren Service zahlst und Dir selber ein Bild davon machen kannst, ob Du den Betrag angemessen findest, und zum anderen, weil sie Dir einen guten Eindruck von der Motivation Deines Beraters vermittelt.

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