Biotech: Qiagen-Übernahme ist gescheitert – Thermo Fisher macht Rückzieher

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Biotech Qiagen-Übernahme ist gescheitert – Thermo Fisher macht Rückzieher

Der US-Konzern verfehlte mit seiner Offerte die Annahmeschwelle deutlich. Qiagen will seinen Wachstumskurs nun in eigener Regie weiterverfolgen.

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Das bisher größte Übernahme-Vorhaben in der deutschen Biotechbranche ist am Widerstand der Aktionäre gescheitert: Bis zum Ablauf der Angebotsfrist haben Aktionäre von Qiagen dem US-Diagnostikahersteller und Laborausrüster Thermo Fisher Scientific nur rund 47 Prozent der Aktien angedient, wie Thermo Fisher am Donnerstagnachmittag bekanntgab.

Die geforderte Mindestannahmeschwelle von 66,7 Prozent wurde damit klar verfehlt. Qiagen wird damit ein selbständiges Unternehmen bleiben, muss vertragsgemäß allerdings eine Kostenerstattung von 95 Millionen Dollar an den US-Konzern zahlen.

Ein Fehlschlag für Thermo Fisher hat sich in den letzten Wochen bereits abgezeichnet, nachdem zuvor mehrere Finanzinvestoren eine Ablehnung des Deals signalisiert hatten. Daraufhin hatte der US-Konzern seine Offerte zwar noch von ursprünglich 39 auf 43 Euro je Aktie oder insgesamt rund 11,3 Milliarden Euro erhöht und diesen Preis zugleich als bestes und endgültiges Angebot bezeichnet.

Qiagen-Aktie im Plus

Doch auch das war aus Sicht der opponierenden Investoren zu niedrig. Denn angesichts der Coronakrise hat sich die Geschäftsentwicklung von Qiagen deutlich verbesser. Die Aktie notierte seit Tagen bereits deutlich unter dem Angebotspreis von Thermo Fisher, legte am Donnerstagnachmittag in Reaktion auf das Scheitern der Offerte aber zunächst um zwei Prozent zu.

Der US-Hedgefonds Davidson Kempner, der nach eigenen Angaben rund acht Prozent des Qiagen-Kapitals hält, hatte den „fairen Standalone-Wert“ von Qiagen auf rund 50 Euro je Aktie beziffert und Management sowie Aktionäre wiederholt aufgefordert, die Offerte von Thermo Fisher abzulehnen. Als zweitgrößter Aktionär des Unternehmens sei man weiter entschlossen, den signifikanten internen Wert, den man in der Firma sehe, zu realisieren, teilte der Finanzinvestor am Donnerstag mit.

Beobachter gehen nun davon aus, dass eine Übernahme von Qiagen durch einen Konkurrenten nun erst einmal vom Tisch ist. „Ich bezweifele, das Thermo Fisher noch einmal zurückkommt. Dazu war das Wording zu eindeutig. Und ich sehe derzeit auch keinen anderen Bieter für Qiagen“, sagte Daniel Wendorff, Pharma- und Biotechexperte der Commerzbank. Das Angebot des US-Konzerns bewertet Wendorff als letztlich fair. Denn das Wachstum durch die Corona-Testung werde endlich sein.

In den letzten Jahren waren auch die deutsche Merck-Gruppe, Siemens Healthineers und der US-Konzern Danaher als mögliche Interessenten für Qiagen gehandelt worden. Doch alle drei Unternehmen sind inzwischen damit beschäftigt, andere große Übernahmen zu verdauen. Healthineers etwa verstärkte sich jüngst durch die Übernahme des Strahlentherapie-Spezialisten Varian für rund 16 Milliarden Dollar. Merck kaufte Versum Materials, Danaher das Biotech-Geschäft von GE.

Auftrieb im Diagnostika-Geschäft

Die 1984 gegründete Qiagen ist einer der Pioniere und gemessen am Umsatz zugleich auch das größte Unternehmen der deutschen Biotechbranche. Zwar steht an der Spitze des Konzerns eine niederländische Holding, operativ wird das Unternehmen jedoch von der Zentrale in Hilden nahe Düsseldorf geführt.

Qiagen ist zunächst als Spezialist für Reagenzien und Technologien zur Aufbereitung von Nukleinsäuren, den Trägermolekülen für Erbinformationen, herangewachsen und beliefert in dieser Rolle heute Gentechniklabore weltweit.

Parallel dazu baute der Konzern unter Führung des früheren Firmenchefs Peer Schatz im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte durch Eigenentwicklungen und Zukäufe ein umfangreiches Geschäft im Bereich der genbasierten Diagnostik auf, das 2019 rund die Hälfte von 1,5 Milliarden Dollar Gesamtumsatz lieferte.

Vor allem dieses Diagnostika-Geschäft erhielt durch die Corona-Pandemie und die weltweit umfangreichen Testaktivitäten starken Auftrieb. Qiagen selbst spricht von einer „beispiellosen Nachfrage nach Coronavirus-Testprodukten.“ Der Hildener Konzern profitiert davon nicht nur als Lieferant eigener Tests, sondern auch als Hersteller von diversen Vorprodukten für andere Diagnostikanbieter.

Für das erste Halbjahr 2020 meldete Qiagen einen währungsbereinigten Anstieg des Umsatzes um 14 Prozent auf 815 Millionen Dollar und eine Steigerung des bereinigten operativen Gewinns um 47 Prozent auf 260 Millionen Euro. Der Konzern ist damit über Nacht zu einem der wachstumsstärksten Diagnostika-Anbieter geworden. Die führenden Konkurrenten legten im Schnitt beim Umsatz im ersten Halbjahr nur etwa zwei Prozent zu.

Prognosen stark erhöht

Der bereinigte Gewinn je Aktie des Hildener Konzerns stieg im Halbjahr um 48 Prozent auf 0,89 Dollar. Für das Gesamtjahr stellt der Konzern nun ein Umsatzwachstum von 15 bis 18 Prozent und einen Anstieg des bereinigten Gewinns je Aktie auf mindestens zwei Dollar in Aussicht. Noch zu Jahresbeginn hatte das Management gerade mal drei bis vier Prozent Umsatzplus prognostiziert. Selbst Anfang März, bei Abschluss des Übernahme-Vertrags mit Thermo Fisher, unterschätzte die Qiagen-Führung den Effekt der Corona-Pandemie offenbar deutlich.

Inzwischen jedoch hat der Konzern nicht nur den Ausblick für 2020 stark erhöht, sondern indirekt auch seine Mittelfristprognose angehoben. Man gehe davon aus, dass Corona-Testprodukte für einen längerfristigen Zeitraum benötigt werden, bevor die Nachfrage wieder nachlasse. Gleichzeitig erwarte man, dass sich die Erholung in anderen Bereichen des Produktportfolios fortsetze. Vor diesem Hintergrund prognostiziert das Qiagen-Management für 2021 eine weiteres Gewinnwachstum von mindestens 18 Prozent.

Ungeachtet dieser deutlich verbesserten Guidance hatte die Qiagen-Führung die Offerte von Thermo Fisher bis zuletzt voll unterstützt. Das allerdings dürfte auch mit der im ursprünglichen Deal von Anfang März vereinbarten sogenannten Termination Fee zu tun haben, die bei einer aktiven Ablehnung der Offerte fällig geworden wäre. In diesem Fall wäre Qiagen verpflichtet gewesen, 367 Millionen Dollar an Thermo Fisher zu zahlen.

Der Investor Davidson Kempner traut dem Hildener Unternehmen unterdessen für 2020 sogar einen Gewinn von 2,54 Euro je Aktie zu und verweist auf die deutlich höheren Bewertungen, die Konkurrenten wie Biomerieux und Diasorin an der Börse erzielen. Diese Diagnostika-Hersteller werden aktuell mit mehr als dem 40-fachen ihrer Gewinne gehandelt, während sich für Qiagen gemessen an der Ertragsprognose für 2020 aktuell nur ein KGV von etwas mehr als 20 errechnet.

Eine Bereitschaft von Investoren, die Qiagen-Aktie auf ähnliche Höhen zu treiben wie die Konkurrenten, ist an der Börse bisher nicht zu erkennen. Allerdings ist Qiagen mit diesen Unternehmen nicht voll vergleichbar, da der Konzern letztlich nur die Hälfte seiner Erlöse mit Diagnostika erzielt. Das Laborgeschäft dagegen entwickelt sich deutlich schwächer. Ein gewisser Bewertungsabschlag ist daher aus Sicht von Analysten gerechtfertigt.

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