Bildung und Corona: Nach Schulchaos: Mehr Zentralismus gewünscht

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Bildung und Corona Nach Schulchaos: Mehr Zentralismus gewünscht

Nach Monaten des Homeschoolings ist für viele Deutsche klar: Die Länder können es nicht, Bildung muss Chefinnensache werden, wie das neue ifo-Bildungsbarometer zeigt. Doch die Reformwünsche lassen sich schwer umsetzen.

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Während in Bayern und Baden-Württemberg noch Ferien sind, wird in anderen Ländern bereits seit Wochen gebangt: Wird mein Kind wegen einer laufenden Nase nach Hause geschickt? Muss die ganze Klasse in Quarantäne, weil es einen Coronaverdacht bei Schülern oder Lehrern gibt? Und dann wieder Homeschooling? Bloß nicht, zumindest nicht noch einmal so wie während des Lockdowns.

Geprägt von den Monaten der Schulschließungen, in denen Lehrer teils für Wochen quasi abtauchten und sich digitaler Unterrichtsangebot aufs Versenden von PDFs beschränkte, sind viele Menschen in Deutschland offensichtlich überzeugt: Die Länder können es nicht, Bildung muss Chefinnensache werden.

So fordern 60 Prozent der Deutschen mehr Zentralismus in der Bildung, wie das am Mittwoch veröffentlichte Bildungsbarometer des ifo-Instituts zeigt, für das im Juni mehr als 10.000 Bundesbürgerinnen und -bürger befragt worden sind. Von den Teilnehmern, die noch einmal auf die deutlichen Unterschiede zwischen Bundesländern hingewiesen wurden mit Blick auf Lehrpläne, Schulformen oder Abschlussprüfungen, sprachen sich sogar 66 Prozent für mehr Zentralismus aus.

Auch in der Finanzierung der Bildung wünschen sich die Befragten mehr Engagement des Bundes: 41 Prozent würden eine gezieltere Finanzsteuerung durch den Bund bei den Schulen richtig finden, bei den Hochschulen halten dies sogar 49 Prozent der Befragten für sinnvoll.

Besonders treibt die Deutschen offensichtlich auch der Wunsch nach einheitlicheren und vergleichbaren Standards um – dafür muss gar nicht erst der Bayern-Bremen-Vergleich beim Abitur bemüht werden. So sprechen sich 70 Prozent der Deutschen dafür aus, einen Nationalen Bildungsrat einzurichten, der nicht-verbindliche Empfehlungen für mehr Einheitlichkeit im Bildungswesen erarbeiten soll. 83 Prozent wollen sogar einen Bildungsstaatsvertrag mit verbindlichen Vorgaben. Für 88 Prozent der Befragten ist die Vergleichbarkeit von Schülerleistungen zwischen den Bundesländern wichtig.

Überwältigende Mehrheiten von 85 bis 89 Prozent sind dafür, deutschlandweit einheitliche Abschlussprüfungen im Haupt- und Realschulabschluss sowie im Abitur einzuführen, nur sieben bis neun Prozent sind dagegen.

Dementsprechend unterstützen klare Mehrheiten Reformvorschläge wie regelmäßig Schülerleistungen für Ländervergleiche zu erheben (76 Prozent), deutschlandweit einheitliche Vergleichstests, die in die Schulnoten einfließen (69 Prozent), deutschlandweit einheitliche Lehrpläne für die gymnasiale Oberstufe (88 Prozent) und ein gemeinsames Kernabitur (84 Prozent).

Gleichzeitig aber sollen die Schulen der Umfrage zufolge selbst Lehrkräfte auswählen dürfen (63 Prozent) und selbst Entscheidungen treffen, wofür sie ihre Mittel verwenden (54 Prozent).

Doch so radikal, wie es sich die Befragten des Bildungsbarometers wünschen, lassen sich die Reformen kaum umsetzen. Die Bildungshoheit der Länder ist schließlich im Grundgesetz verankert. Die Autorinnen und Autoren des ifo-Bildungsbarometers weisen neben den Nachteilen des Bildungsföderalismus deshalb auch auf die Chancen hin: Landespolitiker könnten in ihren Bundesländern „gezielt spezifische Probleme adressieren und passgenauere Lösungen für regionale Herausforderungen“ konzipieren. Gleichzeitig erlaube die dezentrale Entscheidungskompetenz der Bundesländer, dass unterschiedliche Lösungswege für bildungspolitische Ziele – wie die Verringerung des Fachkräftemangels oder der Bildungsungleichheit – erprobt werden können.

Bei der Vergleichbarkeit der erzielten Ergebnisse entstehe so „ein Wettbewerb der Ideen anhand von Vergleichsmaßstäben“ – allerdings, so heißt es in der Studie, seien die Möglichkeiten für Bundesländervergleiche von Schülerleistungsdaten eben sehr beschränkt, „so dass die Potenziale eines bildungspolitischen Systemwettbewerbs nicht ausgeschöpft“ würden.

Wie schwer sich Bund und Länder in der Koordinierung tun, zeigt auch der schleppende Fortschritt beim Digitalpakt Schule. Mehr als ein Jahr nach Beginn sind von den fünf Milliarden Euro Fördergeld des Bundes für digitalen Unterricht nur 15,7 Millionen Euro abgeflossen, wie kürzlich aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Frage der FDP im Bundestag hervorging. Auch die Verhandlungen mit den Ländern zu den 500 Millionen Euro aus dem Konjunkturprogramm, mit denen neben Tablets für Schüler auch IT-Systemadministratoren an Schulen bezahlt werden sollen, sind weiterhin nicht abgeschlossen. Hinzu kommen jetzt noch einmal rund 500 Millionen Euro für die Ausstattung von Lehrkräften mit digitalen Endgeräten. Auch hierzu gibt es noch keine Umsetzungsstrategie.

Übrigens: Nicht nur was die Bildungsinhalte angeht, sondern auch mit Blick auf die Ferien wünschen sich die meisten Deutschen mehr Gerechtigkeit. So fordern 63 Prozent der Befragten, dass sich alle Bundesländer beim Sommerferienbeginn abwechseln – eine Wunsch, der in Bayern und Baden-Württemberg auf wenig Gehör stoßen dürfte.

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