Autogipfel: „Es gibt bereits viele Zulieferer, die insolvenzreif sind“

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Autogipfel „Es gibt bereits viele Zulieferer, die insolvenzreif sind“

Die IG Metall sieht nach dem Autogipfel gute Chancen für einen Hilfsfonds für gefährdete Zulieferer. Doch auch neue Staatshilfen können und sollten nicht alle Firmen retten, sagt Insolvenzverwalter Martin Mucha.

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Martin Mucha ist Fachanwalt für Insolvenzrecht, Partner der Kanzlei Grub Brugger und war in verschiedenen Funktionen bei zahlreichen Automotive-Insolvenzen im Einsatz. So ist der Stuttgarter Jurist Insolvenzverwalter des Sensorenherstellers Sitronic, war als Generalbevollmächtigter bei Weber Automotive an Bord und manövrierte im vergangenen Jahr die Schweizer Group durch ein Insolvenzverfahren.

WirtschaftsWoche: Herr Mucha, beim Autogipfel im Kanzleramt ging es um ein Thema, das auch Sanierer und Insolvenzverwalter derzeit umtreibt: den Absturz der Autozulieferer-Industrie. Gibt es bereits mehr Insolvenzen in der Branche?
Martin Mucha: Bei uns melden sich derzeit zwar viele Unternehmer aus dem Automotive-Bereich, die sich über die Sanierungsoptionen informieren wollen. Bei den reinen Insolvenzanträgen sieht es aber etwas anders aus: Die Bundesregierung hat die Insolvenzantragspflicht in der Coronakrise ausgesetzt, um die Folgen der Pandemie abzumildern. Insofern gibt es noch keinen Anstieg der Insolvenzen. Das könnte sich aber bald ändern.

Warum?
Die Corona-Erleichterungen laufen überwiegend Ende September aus. Dann sind Geschäftsführer zahlungsunfähiger Unternehmen wieder verpflichtet, Insolvenzanträge zu stellen. Ich erwarte daher, dass spätestens Ende des Jahres wieder mehr Unternehmen Insolvenz anmelden müssen, darunter sicherlich auch Autozulieferer.

Warum ist die Branche so krisenanfällig?
Im Automotive-Bereich kommt momentan vieles zusammen: Der Strukturwandel zur E-Mobilität erfordert hohe Investitionen. Die großen Autohersteller müssen selbst sparen und geben den Druck an ihre Lieferanten weiter – und natürlich leiden die Unternehmen unter den Corona-Auswirkungen.

Ist das Virus nicht nur eine Ausrede, um hausgemachte Probleme zu übertünchen?
Das mag in einigen Fällen so sein, trotzdem hat Corona die Krise der Branche weiter verschärft. Es kam reihenweise zu Umsatz- und Gewinneinbrüchen. Gerade für Unternehmen, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben, wirkt die Pandemie nun wie ein Brandbeschleuniger.

Beim Autogipfel wurde vereinbart, bis zum nächsten Treffen im November Möglichkeiten zu prüfen, wie Zulieferer unterstützt werden können. Erhöhen solche Subventionen die Überlebenschance, oder werden da nur Unternehmenszombies an den Tropf gehängt?
Die Devise „So wenig Staat wir möglich“ sollte auch in Corona-Zeiten nicht einfach über Bord geworfen werden. Gleichwohl steckt die Branche durch Corona und den Strukturwandel in einer Ausnahmesituation, auf die man nicht dogmatisch, sondern pragmatisch reagieren sollte. Klar ist, dass viele Unternehmen jetzt zusätzliche Liquidität brauchen, um sich neu aufzustellen. Auch für die Beschäftigten ist es entscheidend, dass die Transformation nicht Schlag auf Schlag erfolgt, sondern über einen gewissen Zeithorizont gestreckt.

Die Gewerkschaften haben bereits staatliche Beteiligungsfonds ins Spiel gebracht. Eine sinnvolle Option?
Ob Liquiditätshilfen nun über einen speziellen Fonds oder über andere Lösungen organisiert werden, ist am Ende nicht so entscheiden. Wichtiger ist aus meiner Sicht, dass nur diejenigen Unternehmen davon profitieren, die auch wirklich eine Chance haben, weiter am Markt zu bestehen. Es sollte auf keinen Fall so ablaufen, wie einst beim Baukonzern Holzmann, der auf politischen Druck hin zunächst am Leben erhalten wurde, um ein paar Jahre später dann doch zusammenzubrechen. Das Motto der Politik sollte deshalb nicht lauten: Hier habt Ihr einen großen Geldtopf, bedient Euch; Hauptsache ihr überlebt.

Gerade viele mittelständische Zulieferer hängen immer noch stark am Verbrennungsmotor. Warum sollte man einer alten Technologie noch sinnlos Geld hinterherwerfen?
Ganz so einfach ist es nicht. Die E-Auto-Verkäufe sind noch immer überschaubar und der Verbrennungsmotor ist auch noch nicht tot, sondern wird allen Prognosen zufolge bis ins nächste Jahrzehnt hinein weiter eine Rolle spielen. Das heißt aber auch, dass viele Zulieferer weiter am Verbrennergeschäft hängen. Sie können ihren umsatzstärksten Bereich ja nicht von heute auf morgen und ohne Ersatz kappen, sondern müssen eine teils langjährige Ausproduktion organisieren, bei der die Absatzzahlen sukzessive zurück gehen. Gleichzeitig muss – vor allem bei Unternehmen, die für den Antriebsstrang produzieren – die Umstellung hin zur E-Mobilität vorangetrieben werden. All das kostet Zeit und viel Geld. Gut dosierte Förderprogramme könnten dabei helfen, diesen Spagat zu schaffen.

Lassen sich Insolvenzen im Automotive-Bereich dauerhaft verhindern?
Nein. Und das wäre auch fatal. Es gibt bereits viele Zulieferer, die insolvenzreif sind und bei denen neue Subventionen nur den Niedergang verlängern würden, ihn aber nicht stoppen. Diese Unternehmen sollten im Rahmen von Insolvenzverfahren verkauft oder abgewickelt werden. Sie jetzt mit Staatsgeld weiter zu fördern, verzerrt letztlich nur den Markt und hat negative Folgen für den Wettbewerb.

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