Adecco-Deutschlandchef: „Wir werden noch schwierige Quartale erleben“

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Adecco-Deutschlandchef „Wir werden noch schwierige Quartale erleben“

Adecco konnte bisher ein Drittel seiner kurzarbeitenden Mitarbeiter wieder voll beschäftigen, berichtet Peter Blersch, der Deutschlandchef des Zeitarbeitsunternehmens – und skizziert neue Geschäftsmodelle in Corona-Zeiten für seine umstrittene Branche.

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WirtschaftsWoche: Herr Blersch, die Bundesregierung hat am vergangenen Mittwoch ein Gesetz auf den Weg gebracht, das Werkverträge und Leiharbeit in der Fleischindustrie von Beginn kommenden Jahres an verbietet. Betrifft das Adecco?
Peter Blersch: Nein, wir haben kein Personal in Schlachthöfen – weder Zeitarbeitskräfte noch Werkvertrags-Mitarbeiter. Wir haben uns bereits vor einigen Jahren sehr bewusst entschieden, nicht Geschäftspartner der Schlachthof-Betriebe zu sein. Massenunterkünftige oder ähnliche Strukturen gibt es bei uns nicht. Das widerspricht unserem Anspruch im Umgang mit Mitarbeitern.

Die Zeitarbeitsbranche steht nach dem Corona-Ausbruch bei Tönnies mit am Pranger, obwohl sie mit dem Personal dort nichts zu tun hatte. Trotzdem stört Sie das Verbot nicht?
Die Politik muss grundsätzlich Maßnahmen ergreifen, damit Missstände verhindert werden. Die Kunst wird es sein, nur das zu regeln, was wirklich der Regelung bedarf und nicht über das Ziel hinaus zu gehen. Ob ein Verbot, wie es nun kommen soll, der richtige Weg ist oder ob es ausreichen würde, die Rahmenbedingungen klarer zu definieren und engmaschiger zu kontrollieren, muss nun diskutiert werden. Als Adecco Group unterstützen wir jedenfalls, dass Arbeitnehmerrechte durchgesetzt und Betriebe streng kontrolliert werden.

Zeit- oder Leiharbeit wird in der Öffentlichkeit kaum seriöser wahrgenommen als Tönnies & Co. – daran haben zahlreiche Regulierungen und Restriktionen in den vergangenen Jahren nichts geändert.
Ich bin nun seit elf Jahren in der Branche und finde, unser Ruf ist besser geworden. Erst im April 2020 bestätigte die Bundesregierung, dass die Vermittlung in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in der Arbeitnehmerüberlassung der nachhaltigen Integration in den Arbeitsmarkt dient. Es wird in Teilen von Politik und Gesellschaft immer populär sein, den Verleih von Arbeitskräften kritisch zu sehen. Die Realität ist aber ganz anders. Der weit überwiegende Teil der Mitarbeiter bei der Adecco Group und in anderen Zeitarbeitsunternehmen arbeitet gerne dort. Zum Beispiel, um andere Branchen und Arbeitgeber kennenzulernen. Ein erheblicher Teil der Zeitarbeitskräfte wird ja vom Kunden übernommen. Regulierungen wie die Einführung der Höchstüberlassungsdauer von 18 Monaten helfen aber keinem der Beteiligten. Studien zeigen: Viele Mitarbeiter beenden ihre Einsätze in den entleihenden Unternehmen nur ungern nach anderthalb Jahren – etwa weil sie sich dort wohl fühlen und auch höhere Lohnansprüche erarbeitet haben. Im nächsten Betrieb beim nächsten Einsatz müssten sie unter Umständen für weniger Geld anfangen. Sogar das Arbeitslosengeld, das auf Basis des letzten Verdienstes berechnet wird, ist da manchmal attraktiver.

Die Empörung über die Höchstüberlassung hat sich inzwischen aber gelegt.
Aktuell muss die Branche damit leben. Aber man muss sich fragen: Wem hat diese Regulierung genutzt? Die Höchstüberlassungsdauer schafft leider fast ausnahmslos Verlierer.

Sie können Mitarbeiter drei Monate in andere Einsätze entsenden und dann wieder zurück zu dem Betrieb, wo sie vorher 18 Monate lang waren.
Aber beim Lohn knüpft der Mitarbeiter dann auch nicht an den vorherigen höheren Verdienst an, sondern fängt wieder weiter unten an.

Seit Ausbruch der Coronakrise schicken die Kunden ihr geliehenes Personal im großen Stil an die Verleihunternehmen zurück. Angeblich sind rund 5000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Adecco in Kurzarbeit.
Die Zahl kann ich aufgrund des Börsenrechts weder bestätigen noch dementieren. Was ich sagen kann: Heute ist von unseren Mitarbeitern schon wieder ein Drittel weniger in Kurzarbeit als zu Beginn der Pandemie.

Das Schlimmste ist also überstanden?
Sicherlich werden wir noch ein paar schwierige Monate und Quartale erleben. Corona war ein brutaler Einschnitt. In den vergangenen Wochen spüren wir aber eine Stabilisierung. Aber auch das dritte und vierte Quartal wird nach meiner Einschätzung eine Art Bodenbildung zeigen. Dennoch: Ich bleibe positiv, weil der Bedarf nach flexiblen Mitarbeitern nach der Krise eher steigen wird.

Und langfristig?
Ich bin nicht sicher, ob die alten Höchststände der deutschen Wirtschaft schnell zurückkommen. 2021 dürften die wirtschaftlichen Zahlen besser sein als in diesem Jahr, aber unter den Werten von 2019.

Schaut man auf die Infektionsentwicklung, kehrt die Krise gerade wieder zurück.
Ich glaube trotzdem, dass wir wirtschaftlich langsam raus kommen aus dem Tief. Wir verstehen Corona heute besser als am Anfang.

Schützen Sie sich verstärkt vor Insolvenzausfällen? Die Pleitewelle dürfte noch kommen.
Wir sind sehr achtsam bei dem Thema. Jedes Jahr treten dennoch Fälle auf, die uns auch tangieren – dieses Risiko ist aber aus heutiger Sicht beherrschbar.

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